Schöner arbeiten in Virtuellen Realitäten?

Die Pandemie verschiebt Realitäten. So hätte ich mir vor einem Jahr kaum vorstellen können, dass eine virtuelle Moderation meinen Puls mittlerweile nicht mehr hochtreibt. Ein Jahr mit Corona ist mittlerweile vergangen und wir alle bei denkmodell nutzen Online-Tools zielsicher und mit wenig Ruckelei. Gleichzeitig beschäftigen uns Fragen wie: Soll das alles gewesen sein? Richten wir uns in der Situation ein oder gehen wir die „Knackpunkte“ und Unzulänglichkeiten von Moderationen im virtuellen Raum an?  Da uns die Pandemie noch einige Monate beschäftigen wird und wir davon ausgehen, dass gute virtuelle Formate auch langfristig viele Präsenztermine ersetzen werden, haben wir uns klar für die zweite Option entscheiden. Schließlich wissen wir auch aus dem Change Management, dass man die Themen angesehen sollte, solange der „Pain“ noch spürbar ist.

Gemeinsam mit Philipp habe ich mir einige VR (Virtual Reality)-Tools angesehen und auf ihren Nutzen für unsere Beratungsarbeit überprüft. Vorab: Eine irre Erfahrung für alle VR-Einsteiger*innen!

Challenge accepted: Analoge und virtuelle Welt verbinden

Nur einige der Knackpunkte, die wir sehen und mit Hilfe von VR-Tools angehen möchten:

  • Interaktion vergrößern: Wie können wir gerade in großen Runden die Teilnehmenden aus einem „listen-only-mode“ holen?
  • Atmosphäre herstellen: Wie können wir mehr Nähe in Workshops bringen?
  • Visualisierungen verstärken: Wie können wir in Virtuellen Whiteboards wie Miro nicht nur Boards wie PowerPoint-Slides verwenden, sondern zum Beispiel unterschiedliche Umgebungen (Landschaft etc.) visualisieren?
  • Realitäten verbinden: Wie können wir das Gefühl von Nutzer*innen vermeiden, auf eine Mattscheibe zu schauen und die analoge und die virtuelle Welt verbinden?
  • Fokus halten: Wie können wir den Fokus der Teilnehmenden halten?

VR-Technologie scheint uns eine Möglichkeit zu sein, intensiver in den virtuellen Raum einzusteigen. Im Gaming-Bereich ist dies bereits Standard, im Business-Kontext noch nicht. Verkürzt geht es darum, dass man sich per VR-Brille in einem dreidimensionalen virtuellen Raum trifft und dort gemeinsam arbeitet. Dort sieht man sich als Avatar, kann sich im virtuellen Raum bewegen und zusammenarbeiten. Wir haben für unseren Pilot-Versuch unterschiedliche VR-Brillen verwendet: Oculus Quest und Oculus Quest 2 – beide Brillen können unabhängig von einem Rechner verwendet werden. Wichtiger ist allerdings die Software für den Raum, in dem man sich trifft. Hier haben wir drei Varianten getestet.

Per Knopfdruck in einer anderen Welt: Drei VR-Tools im Test

Erster Eindruck: echt irre! Sobald man die klobige Brille aufsetzt, fühlt man fühlt sich per Knopfdruck in einer anderen Welt und vergisst die eigene Umgebung. In unserem kleinen Test schnitten die drei getesteten Tools allerdings ganz unterschiedlich ab:

  1. Engage: Diese Software war leicht einzurichten, aber die Qualität erinnerte uns sowohl optisch als auch haptisch eher an die 90er-Jahre. Abgesehen von einer Lagerfeuer-Situation war der Kontext ungeeignet für gemeinsames Arbeiten oder Workshop-Situationen. Engage ist bei uns direkt durchgefallen.
  2. Spatial: Qualitativ ausgereift ist Spatial. Ein Foto des eigenen Gesichts transferiert es gleich dreidimensional auf die Figur im Raum – erstaunlich passend. Die Räume sind ansprechend, die Arbeit an virtuellen Moderationswänden funktioniert gut, allerdings waren wir mit der Handhabung von Post-its (für unsere Arbeit sehr wichtig) noch nicht zufrieden.
  3. MeetinVR: Noch ein wenig besser hat uns MeetinVR gefallen. Es ähnelt Spatial. Allerdings ist hier das Erstellen und Handling von Post-its für uns besser gelöst. So braucht man nicht umständlich per virtueller Tastatur Buchstaben einzutippen, sondern kann per Speech-to-Text Texte einsprechen oder gut malen. Zudem wird beim Sprechen recht gut die Mimik simuliert, was auf den ersten Blick etwas mehr Natürlichkeit erzeugte als Spatial. MeetinVR ist noch in der Testphase, aber man kann sich bereits problemlos mit etwas Vorlauf anmelden.

VR in Beratung und Moderation: Wo passt’s?

Das Schöne an Videokonferenzen ist, dass mal sein Gegenüber mit der tatsächlichen Mimik und Emotionen sieht – aber nur zweidimensional auf dem Bildschirm. In der virtuellen Welt erlebt man gemeinsam einen Raum, hat eine Person vor sich und kann interagieren – allerdings nur über einen Avatar. Die Kombination aus beiden Welten – Videokonferenz und VR – wäre aus meiner Sicht optimal.

Der Avatar unseres Kollegen Philipp Scharff – sieht ihm ähnlich, ist nur deutlich weniger dynamisch in VR.

In unserem kleinen Test sind wir nicht richtig warm geworden mit dem Handling der Materialien, wie den Post-its. Die beiden Controller, mit denen man die Bewegung in den virtuellen Raum spiegelt, bilden nur Knopfdruck, aber kein echtes Greifen ab. Das macht alles etwas umständlich und unnatürlich. Ich musste fast immer dreimal zugreifen, um das Post-It richtig zu greifen und zu platzieren und hatte das Gefühl, mehr mit Technik als mit der eigentlichen Arbeit beschäftigt zu sein (in diesem kurzen Video  erlebt man, wie nah Freud und Leid teilweise für uns beieinander lagen). Spezielle Handschuhe schaffen eventuell eine natürlichere Abbildung der Bewegungen.

Vor diesem Hintergrund können wir uns besonders folgende Situationen vorstellen, in denen VR-Technologie einen spürbaren Mehrwert darstellen könnte:

  • Lockere gemeinsame Erfahrungen: Für gemeinsames Arbeiten gibt es Einschränkungen, insbesondere, weil die Übung einfach groß sein muss. Lockere Austauschformate mit einem gemeinsamen Raumgefühl könnten jedoch eine spannende Alternative zu wonder.me oder AirMeet sein. So kann man sich wunderbar in Gruppen besprechen oder in einem großen Raum mit Sitzecken OpenSpace-artige Meetings durchführen und eine trainierte Moderation visualisieren. Als „Gimmick“ für Veranstaltungen könnte man kostengünstige Papp-VR-Brillen für Smartphones bereitstellen und sich für ein Get-Together am Abend treffen.
  • Simulationen schwieriger Situationen: Das Raumgefühl wäre ideal für Rollenspiele: Dank VR lassen sich viele Situationen im Umgang sehr leicht und spürbar simulieren. Hier könnte die persönliche Distanz über Avatare sogar einen Mehrwert bieten. So könnten zum Beispiel auch schwierige Feedback-Situationen erlebt und durchgespielt werden.
  • Coaching-Situationen: Coaching-Situationen könnten ebenfalls ein spannendes Einsatzfeld sein. Einerseits fehlt hier zwar auch eine gute Abbildung der Mimik und non-verbaler Kommunikation. Ergänzend zu Präsenz-Coachings könnten hier spannungsreiche Themen gut besprochen werden und sogar Aufstellungen mehrerer Personen im Raum simuliert werden und ein gutes atmosphärisches Umfeld entstehen.

Mehr Nutzen in der Beratung: unsere Wunschliste

Die fehlende menschliche Note und die schwierige Haptik im virtuellen Raum waren für uns im ersten Test so hinderlich, dass wir für uns das Themen zunächst nicht weiterverfolgen. Falls Kund*innen Interesse daran haben, könnte man VR-Tools einmal im großen Stil und mit Übung einsetzen. So gibt es Geräteverleiher, die zu überschaubaren Kosten einen größeren Kreis an Teilnehmenden ausstatten könnte. Allerdings würden wir hier keine inhaltlich herausfordernde Arbeit vorsehen, sondern uns eher auf Inputs, Austausch und Erleben konzentrieren. Als kleine „Wunschliste“ für besseres Arbeiten mit VR sehen wir:

  • Gesicht live erfassen: Hilfreich wäre es, wenn eine VR-Brille ein integriertes Gesichtstracking hätte, um Mimik live am Avatar abzubilden – die Technik wird mit Lidar an anderer Stelle bereits genutzt. Das würde noch eine Emotionsschicht mehr in den virtuellen Raum bringen.
  • Sensorik erhöhen: Sensoren am Körper (beispielsweise Holosuits) würden mehr Gestik übertragen. Damit die Armbewegungen und Körperhaltung zur Sprache passen. Derzeit werden die Körper teilweise komplett ausgeblendet und die Arme scheinen sich in manchen Programmen gruselig zu verrenken. Mit Sensoren könnte non-verbale Kommunikation prima übertragen werden. Das ist allerdings noch extrem kostenintensiv.
  • Kombination aus Video und VR: Optimal wäre es, wenn man das Gesicht live per Video übertragen könnte und gleichzeitig die Räumlichkeit von VR nutzen könnte. Das dürfte aber an technische Grenzen stoßen, weil die Brille einfach zu klobig ist für ein paralleles Videobild.

Die Zukunft: Augmented Reality

Nicht nur Apple arbeitet seit einigen Jahren an AR, auch viele andere Firmen konzentrieren sich eher auf die Grundlagen von Augmented Reality (AR). Dabei wird über eine AR-Brille der virtuelle Inhalt in den Präsenzraum projiziert und ergänzt diesen (Ikea beispielsweise ermöglicht dank einer solchen Technologie, Sofas schon einmal ins eigene Wohnzimmer zu „beamen“). Die Software Spatial kann auch mit AR umgehen. So kann man beispielsweise mit der AR-Brille Hololens von Microsoft auch im projizierten Raum zusammenarbeiten, die Technik macht bereits einen ausgereiften Eindruck. Mit einem Einzelpreis von über 3.800 EUR je Brille ist das zum jetzigen Stand jedoch eine größere Investition und für den Workshop-Zweck überdimensioniert.  

Zukunftsmusik könnte sein, wirklich hybride Workshops durchzuführen, indem man in einem ansprechenden Workshop-Raum mit Präsenzteilnehmenden und virtuell Teilnehmenden zusammenarbeiten könnten – alle mit einer AR-Brille. Wir werden diese Entwicklung weiter beobachten und wohl eher auf diesen Zug aufspringen als auf die Weiterentwicklung von Virtual Reality.

Welche Erfahrungen haben Sie mit VR oder AR in der Zusammenarbeit gemacht – technisch und methodisch?

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