Blog

Kollegiale Führung – (Wie) geht das?

„Führung ist zu wichtig, um sie nur Führungskräften zu überlassen“. Diesem Leitgedanken folgt das Buch Das kollegial geführte Unternehmen – Ideen und Praktiken für die agile Organisation von morgen von Bern Oestereich und Claudia Schröder. Aber wer soll sonst führen, wenn nicht die Führungskräfte? Heißt kollegiale Führung, dass niemand mehr führt und alles kollektiv und kollegial ausdiskutiert wird? Ist das die agile Organisation von morgen?
Im Gegenteil – lautet die Antwort der Autor/innen: Führung ist und bleibt ein zentraler Erfolgsfaktor für Organisationen und Unternehmen in einer zunehmend komplexen und schnelllebigen Zeit. Und auch Hierarchie ist weiterhin ein notwendiges Wesensmerkmal von Organisationen. Das jedoch, was zukünftig unter Führung und Hierarchie verstanden und gelebt wird, unterscheidet sich grundlegend von dem, was heute noch vielerorts darunter verstanden wird.

Netzwerkorganisationen, Soziokratie und Holokratie

In Ihrem Buch stellen die beiden Autor/innen das Modell der „kollegialen Kreisorganisation“ vor, das eine Synthese unterschiedlicher Ansätze und praktischer Erfahrungen darstellt. Wissen und Erfahrungen aus Netzwerkorganisationen, Soziokratie und Holokratie fließen ebenso ein wie  Systemtheorie und systemische Organisationsentwicklung (siehe untenstehende Grafik). Was das Buch allerdings besonders auszeichnet, sind die praktischen Erfahrungen und Beispiele aus der (Unternehmer- und Berater-)Tätigkeit der Autor/innen sowie zahlreicher anderer kollegial-selbstorganisierter Unternehmen. Was entsteht ist eine Art „Leitfaden“ für agile Organisationen und Unternehmen auf dem Weg zu mehr Selbstorganisation, der vieles einführt und in Zusammenhang setzt und konkrete Umsetzungsvorschläge gibt. Allerdings alles ohne den (nicht zu erfüllenden) Anspruch eines „Kochbuchs mit detaillierten Rezepten“, sondern vielmehr als Appetitmacher, der Lust macht auszuprobieren und die eigenen Zutaten zu wählen. Schröder und Oestereich stellen Hintergründe und Konzepte übersichtlich dar, bereiten sie teilweise (neu) visuell auf und stellen ständig Zusammenhänge dar und geben Hinweise zur tiefergehenden Lektüre. Wissend, dass ihr Buch kein abschließendes Werk ist, sondern eine Momentaufnahme, die beständig dazu einlädt erweitert zu werden.
Viele Ideen und Konzepte, die dort vorgestellt werden, sind nicht gänzlich neu, doch den Autor/innen gelingt es, einen Bogen zu spannen von einführenden konzeptuellen und einbettenden Hintergrundbeschreibungen (Warum das alles? Und warum jetzt?) hin zu konkreten Beispielen (Wie genau kann es funktionieren? Was könnte hilfreich sein auszuprobieren? Welche Strukturen, Prozesse, Methoden könnten zu uns passen?). Das Buch ist dazu in vier Hauptkapitel gegliedert. Die Einleitung geht der Frage nach, warum es derzeit neue Führungsprinzipien braucht. Im zweiten Teil, „Strukturen und Rahmen“, werden zugrunde liegende Konzepte vorgestellt und die „kollegiale Kreisorganisation“ genauer beschrieben. Unter „Prozesse, Werkzeuge und Fertigkeiten“ werden Praktiken, die in kollegial geführten Unternehmen hilfreich sein können, vorgestellt. Zudem werden Mechanismen von Entscheidungsfindung, Reflexion und Kommunikation beschrieben – anschaulich und konkret. Immer wieder mit dem Hinweis verbunden, dass es keine Standardlösung gibt. Um dann am Schluss nochmal den Bogen zu schlagen. Unter der Überschrift „Denken, Unterscheiden und Begriffe“ werden wichtige Unterscheidungen und Begriffe nochmals deutlich.

Reinventing Organizations weiter gedacht

Wenn wir selbst Organisationen beraten, die sich auf dem Weg zu agilen Strukturen befinden und sich fragen, wie sie Entscheidungsverfahren und Rollen neu definieren können, hören wir uns häufig den Satz sagen „Es gibt da kein Patentrezept. Sie müssen probieren, was zu Ihnen passt.“ (vgl. Blogbeitrag „Agiles Arbeiten – brauchen wir das?„). Ebenso wie auch die Autor/innen des Buchs sind wir davon überzeugt, dass der Weg hin zu einem „kollegial geführten Unternehmen“ ein Weg des Ausprobierens, Scheiterns aber auch des Festigens ist. Ein Weg auf dem derzeit viele Organisationen Neues erproben – und schon viele Erfahrungen gemacht haben. Schön, dass viele von ihnen in diesem Buch vorgestellt werden und direkt oder indirekt mitgewirkt haben. Claudia Schröder und Bernd Oestereich führen in ihrem Buch vieles zusammen und stellen wichtige Schritte für Inhaber/innen und Entscheider/innen vor, die derzeit aufbrechen zu neuen Formen der Zusammenarbeit. Wer kann einen solchen Prozess anstoßen? Wessen Rückhalt braucht es unbedingt? Welche Techniken und Methoden funktionieren andernorts? Wie kann das vielleicht auch bei uns funktionieren? Mit wem kann ich mich dazu austauschen?

Damit gehen Oestereich und Schröder den nächsten Schritt nach Frédéric Laloux mit Reinventing Organizations und zeigen Antworten auf die Frage des „Wie genau kann es bei uns funktionieren?“ Sie schaffen es, sowohl Begriffe und Konzepte zu klären und in Bezug zu setzen, als auch konkret und praktisch zu werden. Und das in einer Art und Weise, die „kollegiale Führung“ nicht zu etwas Elitärem erklärt, sondern den Anspruch hat, etwas vorzustellen, dass in unterschiedlichsten Branchen und Kontexten nutzbar und sinnvoll sein kann. Ein visuell ansprechend und übersichtlich aufbereitetes Buch, im (für mich persönlich anfangs gewöhnungsbedürftigen) Querformat, das zahlreiche Querverweise, Links und ein großes Angebot an Material mit Creative-Common-Lizenz enthält. Sowohl für Beratende als auch für Entscheider/innen in Organisationen ist die Lektüre damit ein weiterer Baustein in einem großen Netzwerk von Menschen, die sich derzeit im Dialog dazu befinden, wie Zusammenarbeit zukünftig sinnvoll gestaltet sein kann.

Kollegialer Austausch

Ebenso wie die Autor/innen selbst glauben wir nicht, dass Bücher ausreichen, um Neues zu erproben und zu festigen. Der Austausch von Erfahrungen mit selbstorganisierter und kollegialer Führung wird auch in Zukunft wichtig bleiben. Daher freuen wir uns über viele Möglichkeiten dazu – unter anderem beim nächsten AUGENHÖHECamp am 28. September in Berlin. denkmodell auf Augenhöhe!

 

Das kollegial geführte Unternehmen: Ideen und Praktiken für die agile Organisation von morgen, Bernd Oestereich und Claudia Schröder, 320 Seiten, Vahlen Verlag, November 2016 | Mehr Informationen zum Buch, den Autor/innen sowie weterführende Links und Materialien auch unter: kollegiale-fuehrung.de

Mehr zum Thema
  

  • Beitrag

    Was tun Unternehmen, um innovativer zu werden?

    Im letzten Beitrag zu Innovation haben wir uns gefragt: Was macht Organisationen innovativ? Heute schauen wir auf die Frage: Welche Hebel nutzen Organisationen und Unternehmen, um (noch) innovativer zu werden? Darauf gibt es sicher viele Antworten – eine Antwort, die wir in unserem (Kunden)Umfeld immer häufiger hören lautet: Wir suchen nach „innovativen Formen der Zusammenarbeit“. […]

    mehr

    Beitrag

    Die Neuerfindung der Organisation? – „Reinventing Organizations“ von Frédéric Laloux

    Laut einer aktuellen Studie leisten zwei von drei Arbeitnehmern Dienst nach Vorschrift, jeder siebte hat bereits innerlich gekündigt. Seit fünfzehn Jahren zeichnen Befragungen ein bedenkliches Bild der Unzufriedenheit mit ihrer Arbeit – die ja immerhin einen großen Teil des Lebens bestimmt. Doch es bewegt sich was, es gibt spürbare Veränderungen.

    mehr
  • Beitrag

    Flexible Räumlichkeiten bzw. Creatives Spaces – das oft vergessene Kernelement beim Design Thinking

    In früheren Blogbeiträgen haben wir uns bereits mit verschiedenen Innovationsmethoden und insbesondere mit Design Thinking beschäftigt. Wann immer in Workshop-Formaten oder Beratungsprozessen Design-Thinking angewendet wird, bleibt eines der eigentlichen Kernelemente oft unbeachtet: Die flexible Räumlichkeit. Warum eigentlich? Studien* zeigen, dass es nicht ausreicht, allein Mitarbeiter/innen zu kreativem Arbeiten zu animieren und dann auf ebenso kreative […]

    mehr

    Beitrag

    denkmodell auf Augenhöhe. Auf zum AUGENHÖHEcamp!

    Am 28. September 2017 findet in Berlin das zweite branchenübergreifende AUGENHÖHEcamp statt. Wir nehmen teil und unterstützen das camp, da wir finden: Eine Plattform, in der sich Unternehmer/innen, Führungskräfte und Personaler/innen dazu austauschen, wie die „neue Arbeitswelt“ ganz praktisch aussehen kann, ist wichtig. Als Teilnehmende des camps verstehen wir uns selbst als Impulsgeber und Fragensteller […]

    mehr
  • Beitrag

    Virtuelle Meetings moderieren – Tipps und Tricks

    Virtuelle Besprechungen sind in vielen Organisationen an der Tagesordnung. Über Online-Plattformen wie Skype for Business, Google Hangouts oder Go to Meeting versuchen Teams, in möglichst kurzer Zeit über teils große Distanzen in Echtzeit miteinander zu kommunizieren. Was so einfach klingt, birgt in der Praxis eine Vielzahl von Schwierigkeiten: Angefangen von technischen Störungen über viel zu […]

    mehr

    Beitrag

    Reinventing Organizations jetzt auch visuell und als Hörbuch

    „Reinventing Organizations“ von Frederic Laloux ist ein viel zitiertes und diskutiertes Buch. Wenn es um Fragen nach neuen Formen von (Zusammen)Arbeit und zukunftsfähigen  Organisationsformen geht, fällt irgendwann der Buchtitel. Auch uns begleitet das Thema: im Beratungsalltag, in Gesprächen mit Kolleg/innen, auf Meetups oder auch bei der Gestaltung unseres eigenen Bürobetriebs. Diesen Blogbeitrag wollen wir nutzen, […]

    mehr
  • Beitrag

    Wettbewerbsvorteil durch Business Model Canvas?

    Hauptwettbewerbsvorteil ist heutzutage nicht notwendigerweise die bessere Technologie, sondern das bessere Geschäftsmodell – so die Eingangsthese von Alexander Osterwalder beim Business Model Canvas Workshop in Berlin, den ich vor ein paar Tagen nebst 110 weiteren Teilnehmenden besuchte. Kodak diente dabei als eines der viel zitierten Beispiele und Belege für diese These, da Kodak zwar bei der […]

    mehr

    Beitrag

    Sind wir nicht alle ein bisschen agil?

    Immer häufiger erreichen uns Anfragen zur Einführung agiler Methoden in Organisationen und Abteilungen. In unsere letzten Blogbeiträgen von Dirk Jung und Anna Schulte haben wir uns dazu aus dem Blickwinkel eines Organisationsentwicklers geäußert. Wie aber sieht das im Einzelnen ganz praktisch aus? Mit einigen netten Anekdoten aus dem agilen Arbeitsalltag gewähren wir in diesem Blogbeitrag […]

    mehr
  • Beitrag

    Fehlerkultur: Die Angst vor dem Scheitern.

    Kalte, schwitzige Hände, ein Schweigen, der gesenkte oder eingezogene Kopf – physische Anzeichen dafür, dass wir einen Fehler gemacht haben und nun unter Stress stehen, weil wir dies nun der Chefin, dem Kunden oder im Kollegenkreis offenbaren müssen. Wir wissen es alle: Wir sind menschlich, Fehler passieren und dennoch –  die Angst davor lähmt uns […]

    mehr

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Kommentar

Name*

Email*