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Der Kongress tanzt – Begeisternde Veranstaltungen

Der Kongress tanzt

„Wie gestalten wir Kongresse, bei denen die Teilnehmenden traurig sind, wenn der Schlussgong ertönt?“. Diese Frage stellt Michael Gleich in seinem Einführungsbeitrag von „Der Kongress tanzt“. Mir kam die Analogie zum Fußball in den Kopf: Hier kann der Schlusspfiff nach 90 Minuten ein Spektakel beenden oder nach einem zähen taktischen Geplänkel die Erlösung aller Zuschauer/innen sein. Die jüngste WM hat mal wieder eindrücklich gezeigt: Wir möchten begeistert werden und uns begeistern. Das gilt auch für Kongresse und Konferenzen.

So wichtig und inhaltlich bedeutend die Inhalte auch sein mögen – es ist wenig unterhaltsam und schon gar nicht begeisternd, wenn sich das Publikum einer Konferenz zum Schlussplenum bereits auf ein kaum noch applaudierfähiges Grüppchen ausgedünnt hat. Oder wenn sich im Audimax die aus 80 Personen bestehenden Klein(!)gruppen einer Großkonferenz hintereinander reihen, bereit zum Dialog mit den Hinterköpfen der Mitteilnehmenden.

„Der Kongress tanzt“ ist ein Buch mit Beiträgen von Mitgliedern des gleichnamigen Netzwerks, das 2010 von Michael Gleich und Tina Gadow gegründet wurde. Die Herausgeber/innen verstehen das Buch als ein „Plädoyer für Veranstaltungen, die begeistern und bewegen.“ Und dabei ist der Titel Programm. Es ist ein Buch, geschrieben von Menschen, die sich glaubhaft begeistern für die Idee von tanzenden Kongressen (was nicht nur metaphorisch gemeint sein dürfte), die inspiriert sind und engagiert sind, die ein Anliegen haben.

Ein Anliegen mit Dimension: Laut dem German Conventions Bureau zählen Konferenzen, Kongresse und andere Großveranstaltungen dieser Art in Deutschland pro Jahr ca. 300 Mio. Teilnehmende. Nach Umfragen unter Führungskräften sind die drei Hauptbeweggründe, an Konferenzen teilzunehmen oder Mitarbeiter/innen dort hin zu schicken: Lernen, Networking und verbesserte Motivation. Das Problem: Zu viele dieser 300 Mio. Menschen verlassen Konferenzen mit einer nüchternen Bilanz: Nichts gelernt (weil eingeschläfert), keine Zeit zum Networken (weil Vorträge über die Zeit gingen), und zu guter Letzt auch noch matter und müder als nach einem Tag im Büro. Wieso muss dem so sein, fragen sich die Autor/innen von „Der Kongress tanzt“ berechtigterweise.

Und sie antworten mit einem Plädoyer für Veranstaltungen, die begeistern. Spaß haben statt Lernen also? Tanzen statt Inhalte voran bringen? Nein! Den Autor/innen geht es nicht um Spaß an der Freude. Im Gegenteil: Ihr Anliegen ist es, einmalige Momente zu schaffen, in denen Ideen, Innovation und Neuerungen entstehen können – durch Freude an der Begegnung und durch den Einsatz aller Sinne und Intelligenzen. Die Beiträge speisen sich aus der Erfahrung von Moderatoren, Journalistinnen, Redner-Coaches, Kommunikationsdesignern, Graphic Recordern und – ja – einem Pastor. Es ist kein wissenschaftliches Buch über gute Veranstaltungen – es ein Praxisbuch von Menschen, die ihre langjährige Erfahrung mit uns Leser/innen teilen.

Sie inspirieren durch praktische und plastische Erfahrungen und Anregungen, wie Kongresse zum Tanzen, zum Denken, zu Utopien, zum Dialog und zu einem wirklichen Sich-Begegnen animiert werden können.

Sie ermutigen die Leser/innen in einer kollegialen Anrede, „mit kleinen Schritten“ zu beginnen, „und uns gegenseitig mit einer guten Portion Nachsicht“ zu begleiten. Damit lesen sich Stellen des Buchs auch als ein ehrliches Eingeständnis, dass es selbst den überzeugten Kongresstänzerinnen unter den Moderatoren und Veranstaltungsdesignern oft Mut und Kraft abverlangt, die eingesessene Konferenzroutine des Publikums und die Angst der Veranstalter vor dem Unvorhersehbaren zu durchbrechen – ein Gefühl, das wir als Moderatoren-Kollegen und Beraterinnen nur allzu gut kennen.

Die Schilderungen und Beobachtungen der Autorinnen schaffen es, zu begeistern aufgrund ihrer Hingabe für das Freudvolle, Bereichernde, Vielfältige und Schöpferische im Zusammenkommen von Menschen auf Konferenzen – einem lebhaften und lebendigen „con-venire“ (der lateinischen Wurzeln der heute mit Drögheit assoziierten „Convention“).

Das Ergebnis: Vielfältige Inspirationen für die explizite Zielgruppe Unternehmen, Stiftungen und Veranstalter, mit Wortwitz und plastischen Beispielen illustriert, und vielen sehr praktischen Anregungen für uns Kolleg/innen. Eben nicht nur ein Plädoyer, sondern ein Praxisbuch.

Man wäre am liebsten dabei, beim tanzenden Kongress – jetzt, heute, hier!

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