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Trainings starten mit der Methode „Thesenspaziergang“

Je besser der Einstieg in ein Training gelingt, desto besser läuft oft das ganze Training. Doch wie können Trainer*innen diesen Einstieg gestalten? So, dass die Gruppe schnell im Thema ist und trotzdem ausreichend Zeit bleibt, auch einen Eindruck der Teilnehmer*innen zu erhalten. Eine sehr gute Methode für die Startsequenz von Trainings oder Seminaren ist unser „Thesenspaziergang“, den wir in diesem Beitrag vorstellen. Nachmachen empfohlen!

Die Grundidee

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Beispiele für Thesen aus einem Moderationstraining – hier für die Fotodokumentation auf einer Pinnwand gesammelt

Die Grundidee der Methode ist einfach und schnell erklärt: Die Teilnehmer*innen machen einen kleinen „Spaziergang“ durch den Raum und lesen eine Reihe von Thesen durch, die sie an den Wänden finden. Im Anschluss sucht sich jede*r eine These aus, zu der er*sie ein kurzes Statement abgibt.

Die Wirkung

Durch die Auswahl der Thesen oder Zitate steuern Sie die Inhalte, die zu Beginn eines Trainings im Fokus stehen. Und Sie sorgen für einen schnellen Einstieg auf inhaltlicher Ebene. Die Teilnehmer*innen werden sofort selbst aktiv und beziehen den Inhalt der jeweiligen Thesen in eigenen Statements auf sich selbst. So entsteht gleichzeitig ein gemeinsames Bild der unterschiedlichen Persönlichkeiten und ihrer Erfahrungen zum Thema des Trainings oder Seminars. Durch die Bewegung in der ersten Einheit (gehen durch den Raum, Stellung nehmen im Stehen) sind die Teilnehmer*innen schnell wach und aktiv.

Ablauf der Methode

Im Vorfeld Ihres Trainings oder Seminars bereiten Sie eine Reihe von Thesen bzw. Statements rund um das Thema des Trainings oder Seminars vor. Entweder Sie stellen Thesen zu unterschiedlichen Aspekten Ihres Themas zusammen oder Sie fokussieren auf einen Aspekt, den Sie im ersten Teil des Trainings bearbeiten wollen. Je nach Thema können Sie aber genauso gut mit Zitaten bekannter Persönlichkeiten arbeiten. Zu vielen klassischen Seminarthemen wie Projektmanagement, Kommunikation oder Führung finden Sie im Internet einen riesigen Fundus gesammelter Zitate und Aussagen, die Sie verwenden können.

In der Regel sind acht bis 12 Thesen sinnvoll, um eine gute Auswahl zur Verfügung zu stellen. Gleichzeitig stellen Sie auf diese Weise sicher, dass das Durchlesen der Thesen nicht zu lange dauert. Formulieren Sie Ihre Thesen so, dass sie eher ambivalent bzw. nicht durch ein eindeutiges „ja“ oder „nein“ zu beantworten sind. So regen Sie zu einer ersten kritischen Reflexion an und schaffen Stoff für spätere Diskussionen zu den einzelnen Seminarthemen. Hängen oder kleben Sie Ihre Thesen oder Zitate gut verteilt an den Wänden des Seminarraums auf.

Beispiel für ein Anleitungs-Flipchart für einen Thesenspaziergang im Rahmen eines Präsenationstrainings

Schon kurz nach der Begrüßung der Teilnehmer*innen und einer ersten kurzen Einführung in den Kontext des Trainings, können Sie mit dem Thesenspaziergang loslegen. Sie können die Methode also auch statt einer Vorstellungsrunde einsetzen und ein paar persönliche Worte der Teilnehmer*innen in die Methode integrieren. Leiten Sie die Methode z.B. so ein: „Gerne möchte ich statt einer Vorstellungsrunde heute anders in unser Training starten. Vielleicht haben Sie schon die Aussagen bemerkt, die ich an die Wände geklebt habe. Die möchte ich nutzen, um ins Thema einzusteigen und gleichzeitig mehr von Ihnen zu erfahren.“

Jetzt bitten Sie Ihre Teilnehmer*innen aufzustehen und sich ein paar Minuten Zeit (drei bis fünf Minuten) für einen „Spaziergang“ durch den Raum zu nehmen. „Bitte lesen Sie die Thesen in Ruhe durch und bleiben Sie dann vor einer These stehen, die Sie besonders anspricht. Das kann sowohl eine These sein, der Sie am ehesten zustimmen, als auch eine, die Sie besonders aufregt. Vertrauen Sie einfach Ihrem Bauch.“ Vor allem bei größeren Seminargruppen oder wenn sich die Teilnehmer*innen schon kennen, können Sie den Spaziergang auch zu zweit oder sogar zu dritt machen. Geben Sie dann ein paar Minuten mehr Zeit, da ja erste Gespräche zu den angerissenen Themen entstehen und die Teilnehmer*innen sich für eine These entscheiden sollen.

Beispiel für eine ambivalente These zur Rolle eines*r Moderators*in

Wenn sich alle für eine These oder ein Zitat entschieden haben, lassen Sie die Teilnehmer*innen Stellung nehmen – das können Sie durchaus noch im Stehen vor den jeweiligen Thesen tun. „Jetzt freue ich mich auf Ihre Meinung und Gedanken zur These, die Sie sich ausgesucht haben. Wer möchte starten?“  Möglicherweise entstehen an dieser Stelle bereits intensive Diskussionen zwischen den Teilnehmer*innen, und Sie müssen eher dafür sorgen, dass Sie im Zeitbudget bleiben. Möglicherweise haben Sie es aber auch mit einer sehr ruhigen Gruppe zu tun, der es gut tut, wenn Sie zu den Statements der Teilnehmer*innen die ein oder andere Nachfrage in den Raum geben. Wenn Sie mit den Statements durch sind, lassen Sie alle wieder hinsetzen und fassen die zentralen Punkte zusammen. Jetzt ist ein guter Zeitpunkt für einen gemeinsamen Blick auf die Agenda oder einen ersten Kurzinput durch den*die Trainer*in.

Zeitbedarf

Je nach Gruppengröße 15 bis 30 Minuten, meist sind 20 Minuten eine realistische Dauer. Wenn Sie Diskussionen zu den einzelnen Thesen zulassen und Sie eine redefreudige Gruppe haben, können Sie mit der Methode bis zu 45 Minuten des Trainings gestalten. Kombiniert mit einer etwas ausführlicheren Einführung ins Thema oder einer Vorstellungsrunde, die Sie getrennt vom Thesenspaziergang machen, kann so auch eine erste Starteinheit von 90 Minuten interaktiv gestaltet werden.

Theoretischer Hintergrund

Die vier Faktoren der Themenzentrierten Interaktion

Die positive Wirkung des Thesenspaziergangs wird schnell verständlich, wenn wir einen Blick auf die so genannte „Themenzentrierte Interaktion“ (TZI) werfen. Dieses Modell, das u.a. von der Psychologin Ruth Cohn entwickelt wurde, ist eine wichtige Grundlage für die Arbeit mit Gruppen in Seminaren, Workshops und Trainings. Die TZI versucht Gruppen voranzubringen, indem vier zentrale Faktoren bearbeitet und in Balance gehalten werden:

  • ES: das Thema, um das es geht
  • ICH: die einzelnen Individuen der Gruppe und ihre Bedürfnisse
  • WIR: das Beziehungsgefüge der Gruppe als Ganzes
  • GLOBE: das Umfeld, das die Arbeit der Gruppe beeinflusst (Zeit, Raum, Rahmenbedingungen)

Je nach Entwicklung und Verlauf des Gruppenprozesses wird einer der vier Faktoren stärker beleuchtet. Wenn wir die Methode Thesenspaziergang in der Startsequenz unserer Trainings oder Seminare einsetzen, gehen wir gezielt auf alle Aspekte ein: Wir thematisieren die Erfahrungen der einzelnen Teilnehmer*innen (ICH), schaffen einen Überblick über die Unterschiede und Gemeinsamkeiten in der Gruppe (WIR), nutzen und „erkunden“ den Seminarraum (GLOBE). All das tun wir, indem wir das Thema (ES) über die Thesen oder Zitate in den Fokus rücken. Das ist TZI in gelebter Praxis – eine gute Voraussetzung für einen gelungenen Start ins Training.

Tipps für die Praxis

  • Stellen Sie sich eine eigene kleine Sammlung geeigneter Thesen und Zitate zusammen, aus der Sie sich beim nächsten Training bedienen können.
  • Formulieren Sie die Thesen so, dass sie ambivalent sind. Das sorgt dafür, dass die Teilnehmer*innen sich oft nicht eindeutig zu den Aussagen positionieren können und eine rege Diskussion entsteht.
  • Sorgen Sie für gute Lesbarkeit der Thesen: Drucken Sie in möglichst großer Schriftgröße – am besten im Querformat und auf etwas dickerem Papier. Wir nutzen hier die kostenlos downloadbare Neuland Moderationsschrift für unsere Schilder.
  • Lassen Sie vor den Statements der Teilnehmer*innen die jeweilige These vorlesen. Das sorgt für den nötigen Fokus und holt alle mit ins Boot.
  • Stellen Sie – je nach Gruppengröße – etwa 8 bis 12 Thesen oder Zitate zur Verfügung.

Mehr Methoden für die Gestaltung von Trainings und Seminaren sowie hilfreiche Modelle für den theoretischen Hintergrund gibt es in unserer Ausbildung zur Trainer*in. Die nächste Trainer*innen-Ausbildung mit Steffi Leupold und Rupert Prossinagg startet am 21.10.2019. Wir freuen uns auf Sie.


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