Der Schlüssel liegt in der Bildung, so heißt es. Wir investieren in die (Aus-)Bildung von jungen Menschen und sind bestrebt, sie zu aktiven, eigenständigen Menschen zu erziehen. Reicht das?
Bildung ist absolut essentiell und muss allen jungen Menschen zugänglich sein. Bildung muss auf die Bedürfnisse der jungen Menschen zugeschnitten und kostenfrei sein. Das ist ein Recht, das in vielen internationalen Menschenrechtsverträgen verankert ist und für diese Zielgruppe durch die UN Kinderrechtskonvention explizit abdeckt wird.
Ebenso wichtig sind Angebote der Berufsbildung und Beschäftigungsförderung, die Jugendlichen den Einstieg in den Arbeitsmarkt ermöglichen. Es geht darum, dass wir sie nicht für ein Überleben im informellen Sektor ausbilden, sondern ihnen den Zugang zu einer lohnenden Beschäftigung ermöglichen.
Ich möchte jedoch noch auf einen weiteren Punkt eingehen. Neben der wirtschaftlichen Inklusion ist die soziale und politische Einbeziehung wesentlich. Hierbei geht es um die Teilhabe an Entscheidungsprozessen, die Möglichkeit, Demokratie zu er- und beleben und aktiv an der Gestaltung des Gemeinwesens mit zu wirken.
In vielen Ansätzen kann man die Teilhabe von jungen Menschen sehr praktisch wahrnehmen. Gerade auf kommunaler und lokaler Ebene machen z.B. partizipativ erstellte Kinder- und Jugendaktionspläne oder die Stärkung von Jugendgruppen und -organisationen politische Teilhabe und soziale Inklusion spürbar.
Von daher möchte ich den Begriff „Bildung" gerne weiter fassen und hier explizit auch die Möglichkeiten der non-formalen, außerschulischen Bildung einbeziehen.
Stellen wir uns für einen Augenblick vor, dass junge Menschen in Entscheidungsprozesse einbezogen würden, dass sie eine wirkliche Teilhabe erführen. Was würde sich in den Entscheidungsprozessen verändern?
Ohne Zweifel würden wir es sehr deutlich spüren. Zunächst würden die spezifischen Belange junger Menschen im Kontext verschiedenster gesellschaftspolitischer Prozesse stärker berücksichtigt werden.
Ich weiß aber auch, dass wir dadurch eine viel bessere Passgenauigkeit von Fördermaßnahmen erreichen können. Wenn wir nicht mehr nur annehmen, was für die Zielgruppe relevant sein könnte, sondern junge Menschen selbst einbeziehen, dann werden sich Arbeitsansätze verändern müssen.
Gleichzeitig bietet politische Teilhabe jungen Menschen eine frühe Chance, sich als aktive Bürger zu erleben und Verantwortung zu übernehmen. Durch die Einbeziehung bekommen sie die Möglichkeit, sich mit demokratischen Entscheidungsprozessen auseinanderzusetzen, und sie erleben, wie schwierig politische Gestaltungsprozesse sein können. Mit anderen Worten: Teilhabe führt auch zu mehr Verständnis.
Denkt man dies konsequent zu Ende, so führt mehr Verständnis für politische Prozesse auch zu einer stärkeren Übernahme von Verantwortung für getroffene Entscheidungen. Dies reduziert wiederum den „gefühlten Ausschluss" aus der Gesellschaft (Marginalisierung) und senkt somit unter Umständen auch Frustration.
Schauen wir noch einmal auf die Ereignisse in der MENA Region, so ist die aktive Teilhabe von jungen Menschen an den kommenden Entscheidungsprozessen eine echte Chance, zu erleben, dass aus Widerständen und Protest inklusive Gesellschaften mit guter Regierungsführung entstehen können.
Der GIZ Capacity Development-Ansatz setzt ja grundsätzlich auf 4 Ebenen der Entwicklung an (Individuen, Institutionen, Netzwerke und Kooperationen sowie der politische Rahmen). Beziehen wir dieses Modell einmal auf die Jugendförderung in der EZ: wo wird aktuell der Hebel der Veränderung angesetzt?
Im Idealfall findet diese Stärkung der Rahmenbedingungen auf allen 4 Interventionsebenen gleichzeitig statt. Darüber hinaus ist ein wichtiger Erfolgsfaktor bei der Förderung und Inklusion von jungen Menschen das sektorübergreifende Arbeiten, das heißt das Zusammenspiel verschiedener für junge Menschen relevanter Akteure, wie z.B. Eltern, Lehrer, Sozialarbeiter, kommunale Jugendreferenten, je nach Situation auch die Polizei oder lokale Wirtschaftsunternehmen. Jeder dieser Akteure muss erkennen, dass er aus seiner spezifischen Perspektive einen Beitrag leisten kann.
Und wie sieht das in der Praxis aus?
Oftmals existiert lediglich der politische Rahmen. Das heißt, die internationalen Regelwerke wie die UN Kinderrechtskonvention und andere internationale Menschenrechtsverträge werden in nationale Gesetze übertragen aber die Kapazitäten zur Umsetzung fehlen sowohl bei staatlichen Akteuren als auch bei zivilgesellschaftlichen Organisationen. Deshalb müssen nicht nur personelle Kapazitäten gefördert, sondern auch Institutionen sowie Kooperationen ausgebaut und gestärkt werden. Nur so können die relevanten Gesetze auf allen administrativen Ebenen mit Leben gefüllt werden.
Wir haben im Rahmen von Vorhaben in Bosnien und Herzegowina, Kosovo und Serbien sehr erfolgreiche Projekte zur Stärkung der Jugendförderung durchgeführt. Hier lag der Schlüssel in der gleichzeitigen Förderung der jungen Menschen z.B. durch ein standardisiertes und zertifiziertes Jugendleitertraining einerseits und der Stärkung der institutionellen Rahmenbedingungen und Professionalisierung individueller Akteure andererseits. In einem Projekt zur Bekämpfung der schlimmsten Formen der Kinderarbeit und des Kinderhandels in der Elfenbeinküste wurde der Partner bei der Verbesserung des politischen Rahmens (Gesetzgebung) unterstützt, eine regionale Kooperation mit Interpol initiiert und gleichzeitig innovative Ansätze für die lokale Umsetzung in der Form von Wachsamkeitskomitees entwickelt. Die Hebel müssen, wie in jedem anderen Projekt auch, individuell zugeschnitten und auf die Bedürfnisse des Landes abgestimmt werden.
Welche Veränderungen in der Umsetzung der Jugendförderung wünschen Sie sich und welche Antwort hat die deutsche EZ darauf?
Aktuell werden die Rechte junger Menschen im Kontext der deutschen EZ durch den dualen Ansatz verwirklicht. Das heißt, die Rechte junger Menschen werden einerseits durch Interventionen innerhalb von Vorhaben der so genannten Schwerpunktsektoren wie z.B. Bildung, Beschäftigung, Gesundheit sowie gute Regierungsführung umgesetzt, andererseits aber auch in alleinstehenden Vorhaben. Derzeit gibt es von diesen kinder- und jugendrechtsspezifischen Vorhaben nur eine kleine Anzahl. Hier würde ich mir einen Zuwachs wünschen.
Insgesamt sind die Konzepte und die Vorgehensweise der deutschen EZ jedoch wirklich wegweisend. Das in der Entwicklung befindliche Positionspapier zur Umsetzung der Rechte junger Menschen des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung zeigt, dass die Belange junger Menschen ernst genommen werden. Die Herausforderung sehe ich in der konsequenten Umsetzung. Die Theorie ist geschrieben - die Praxis kann gestaltet werden.
Vielen herzlichen Dank, Frau Dr. Silbernagl, für das interessante Interview.
Liebe Leser: In diesem Gespräch haben wir noch viel mehr Themen und Fragen angesprochen. Das ausführliche Interview können Sie deshalb auf der denkmodell Homepage unter der Rubrik "Texte" nachlesen.
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1 Die offizielle statistische Gruppierung von Kindern und Jugendlichen unterscheiden sich von Land zu Land. Wenn wir von jungen Menschen sprechen, beziehen wir uns auf die Gruppe von 10 bis 24 Jahren.