Mit diesen Worten verabschiedete sich einer der beiden Englisch sprechenden Teilnehmer einer offiziellen chinesischen Reisegruppe von mir, die ich 3 Wochen lang durch Deutschland begleitet hatte. Es handelte sich um eine Delegation aus der Volksrepublik China, die sich über Formen und Regeln der internationalen Wirtschafts- und Finanzkooperation informieren wollte. denkmodell hatte die Aufgabe übernommen, den inhaltlichen und didaktischen Rahmen der Reise möglichst interaktiv zu gestalten und die Gruppe während der gesamten Reise zu betreuen. Diese Betreuerin – war ich.
Kommen wir zum Problem: Die chinesische Delegation reiste mit einem eigenen, staatlich beauftragten Dolmetscher an, der schon einige Jahre zwischen Deutschland und China hin- und herpendelte und außerdem „eigentlich“ Umweltingenieur war. Mit anderen Worten, es handelte sich um jemand, dessen Selbstverständnis weit entfernt war von der selbstlos dienenden Rolle eines professionellen Dolmetschers.
Im besten Fall sind Dolmetscher kluge interkulturelle Vermittler zwischen den Welten. Im schlechtesten Fall üben sie bewusst Macht aus, wenn es darum geht, Informationen und Sinngehalte„durchzulassen“. Einem solchen Dolmetscher war ich während der Reise ausgeliefert. Was tun?
Fällt ein Sinnesorgan aus oder wird dezimiert, so werden die anderen Sinne plötzlich sensibler. So verstärkten sich bei mir – und auch bei der Reisegruppe - andere Formen des gegenseitigen Zuhörens und Verstehens, die uns halfen, das „Nadelöhr“ des Dolmetschers aus eigener Kraft zu überwinden.
Sowohl ich als auch die Studiengruppe begannen einander intensiv und aktiv zu lauschen und auf Zwischentöne zu hören, auch wenn sie in einer fremden Sprache ausgedrückt wurden. Auf dieses „suchende Lauschen“ konnte ich mich während den 3 Wochen immer wieder verlassen. Als wichtigstes Indiz, ob die gelieferte Übersetzung auch bei der Gruppe entsprechend aufgenommen wurde, waren zum einen die Art und Weise der Rückfragen (hier kann man oftmals inhaltliche Unterschiede zwischen Gesagtem und Übersetzten ausmachen), aber vor allem eben die Art und Weise des gespiegelten Ausdrucks. Diese Form der non-verbalen Kommunikation führt zu einem anderen, geschärften Wahrnehmen, das auch die emotionale Färbung einer Botschaft aufnehmen kann.1
Man kann eine Gruppe „emotional anstecken“ - und somit auch eine tragfähige Beziehung zu Ihr aufbauen - ganz ohne dieselbe Sprache zu sprechen.Dann sind eine fruchtbare Interaktion und ein ehrlicher Austausch aus unterschiedlichen Perspektiven möglich. Dieses Bild vervollständigt sich durch die eigene Präsenz und die Achtsamkeit des Lauschens2.
Neben dem Zuhören wurde auch das Sehen zu einer wichtigen Kommunikationsform zwischen mir und der Gruppe. Die Macht des Bildes versteht sich ohne Sprache und so haben die regelmäßigen visualisierten Zusammenfassungen, die mit einer bewussten Kombination aus Wort und Bild gearbeitet haben, eine weiteren nonverbalen Kommunikationskanal geöffnet.


Zurück zum Dolmetscherproblem. Es gab und gibt also Mittel und Wege, das Sprachmonopol eines Dolmetschers zu umgehen.
denkmodell kennt aber auch viele positive Beispiele, bei denen Dolmetscher zur allgemeinen Freude über ihre ursprüngliche Rolle hinauswuchsen Ein Beispiel: Nachdem das gleiche Seminar zu Verhandlungstechnik mit den gleichen tschechischen Dolmetschern bereits ein drittes Mal durchgeführt worden war, tauschten Trainer und Dolmetscher einfach die Plätze:
Die Trainer standen, in die Mikrophone flüstern, im Hintergrund des Saals, und die Dolmetscher erläuterten (mit Kopfhörern) vorne auf der Bühne souverän und mit voller interkultureller Kompetenz Arbeitsaufgaben, Flipcharts und Power Point Präsentationen, als hätten sie ihr Leben lang nichts anderes getan....
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1Siehe dazu auch Luc Ciompi "Gefühle, Affekte, Affektlogik", S.43
2Siehe dazu auch Gerbug Fuchs "Pädagogik des Lauschens" 2003