Ein virtueller Stakeholderdialog zu Gesundheit und Menschenrechten – Wie funktioniert das?
Autorin: Sabine Wagner

Rückblende: Es ist der 9. Januar 2006, 9:45 Uhr. Die ersten TeilnehmerInnen der Webkonferenz „Human Rights, Health and Poverty Reduction Strategies“ trudeln ein. Unter ihnen auch der UN Sonderberichterstatter für das Recht auf Gesundheit Paul Hunt, der heute als Experte bei der anstehenden Podiumsdiskussion zur Verfügung stehen wird. Einige BesucherInnen finden sich noch nicht gleich in den Räumlichkeiten der Konferenz zurecht und fragen mich nach dem Ort der ersten Veranstaltung. 10:00 Uhr: der Raum füllt sich. Letzte Absprachen mit dem Organisationsteam und los geht es: die dreitägige internationale Webkonferenz beginnt.
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Von virtuellen Räumen - und sehr realen TeilnehmerInnen...
Eigentlich ist alles wie bei einer „ganz normalen" internationalen Konferenz. Der Unterschied zu einer „ganz normalen" Konferenz ist jedoch, dass es sich um eine Konferenz in virtuellen Räumen handelt. Die TeilnehmerInnen sind allerdings keineswegs virtuell, sondern sehr real - aus 15 verschiedenen Ländern sind sie zusammengekommen, um konzeptionelle und praktische Ansätze im Themenbereich Gesundheit als Menschenrecht zu diskutieren. Neben zahlreichen regionalen RepräsentantInnen der WHO sind u.a. die UN, die Kreditanstalt für Wiederaufbau, die GTZ, nationale Behörden im Bereich Gesundheit und Menschenrechte verschiedener Länder sowie Nichtregierungsorganisationen vertreten. Die Aufgabe von denkmodell ist es, die Webkonferenz im Auftrag von InWEnt und der Weltgesundheitsorganisation WHO zu moderieren und zu begleiten. In einem virtuellen Stakeholderdialog sollen Stellungnahmen und Rückmeldungen zu der kürzlich erschienenen Veröffentlichung der WHO „Human Rights, Health and Poverty Reduction Strategies" erarbeitet werden, wobei das Dokument insbesondere auf seine Praxisrelevanz geprüft werden soll. Spannende Zielsetzung - denn Praktiker, die für die WHO im „Feld" sind oder Vertreter anderer Organisationen, für die das Dokument von Relevanz ist, sind auf der Konferenz präsent und begrüßen diese Möglichkeit.
Von der Gleichzeitigkeit der Ungleichzeitigkeiten...
“Hello everybody - and good night to some of you - welcome to our second conference day!” begrüße ich die TeilnehmerInnen zum Chat am nächsten Morgen. Bei mir in Berlin ist es 10:00 Uhr, bei den Teilnehmenden in Malaysia 17:00 Uhr, in Jemen 12:00 Uhr und in Tonga 22:00 Uhr. Die TeilnehmerInnen scheinen motiviert und gespannt auf den Tag zu sein, es geht um den Nutzen der Fallstudien in der WHO Veröffentlichung, die den Fokus der Konferenz darstellt. Die Diskussionsrunden finden in Chaträumen auf der Konferenzplattform statt (www.gc21.de/who). Im Konferenzfahrplan wählen die TeilnehmerInnen aus, in welchen thematischen Arbeitsgruppen sie mitarbeiten möchten. Von jeder Arbeitsgruppe erhalte ich als Moderatorin am Ende jedes Konferenztages ein Protokoll, damit ich daraus einen Newsletter zusammenstellen und verschicken kann.
Nach einer freundlichen Begrüßungsrunde erklären die muslimischen TeilnehmerInnen zunächst, dass sie heute feiern, dass der Erzengel Gabriel Abraham davon abgehalten habe, seinen einzigen Sohn Isaak zu opfern. Übergangslos folgt der Einstieg in die inhaltliche Debatte um die Fallstudien in der Veröffentlichung. Ich ordne und strukturiere hin und wieder die Wortmeldungen, um die Zeitverzögerungen und parallelen Diskussionsstränge, die Chats eigen sind, aufzufangen. Einige etwas zurückhaltende TeilnehmerInnen sind inzwischen aufgetaut und beteiligen sich lebhaft. Die WHO AutorInnen, die an der Konferenz teilnehmen, bekommen eine Reihe guter Vorschläge und Hinweise, welche Fallstudien aus welcher Region noch in die Veröffentlichung mit aufgenommen werden sollten. Die Diskussion ist fruchtbar, Erfahrungen aus den verschiedenen WHO Regionalbüros und dem WHO Hauptsitz greifen hier ineinander und ergänzen sich gegenseitig. “It’s a great way of talking directly to people at the sharpend – usually we just meet other headquarter people“ äußert sich eine der WHO AutorInnen. Vom “sharp end” kommt prompt der dazu passende Vorschlag, virtuelle Veranstaltungen und Chats doch regelmäßig durchzuführen, um diese Kommunikation zu ermöglichen.
Und wie es weitergeht...
„Let’s meet more regularly“ - in den Arbeitsgruppen des letzten Konferenztags geht es neben der Frage nach der praktischen Anwendbarkeit der in der Veröffentlichung vorgestellten Konzepte um die Idee einer über die Konferenz hinausgehende Vernetzung der Teilnehmenden. Der Wunsch nach weiterem Informationsaustausch ist vorhanden, jedoch wird auch die Sorge artikuliert, ein weiteres Netzwerk in der ohnehin von Informationsnetzwerken überschwemmten Szene zu schaffen. Um 15:00 deutscher Zeit schließe ich – fast ein wenig wehmütig - den letzten Chat. Die zeitgleiche Anwesenheit von Menschen aus 15 verschiedenen Nationen und völlig unterschiedlichen
Lebensrealitäten und beruflichen Kontexten hat mich ebenso beeindruckt wie die Geschwindigkeit, mit der sich die Teilnehmenden auf die zum Teil unbekannte Form virtueller Kommunikation eingestellt haben. Die Atmosphäre von Neugier und Aufgeschlossenheit gegenüber dem Medium, der ungezwungene Kommunikationsstil und die deutliche, aber konstruktive Benennung von Problemen haben die Konferenz zu einem Erfolg gemacht.
„Next time when I take part in a web conference I definitely post a more friendly picture of myself. Your smile and facilitation has been quite encouraging!“ schreibt mir ein Teilnehmer. Das freut mich, denn ein wesentlicher Unterschied zu face to face Veranstaltungen ist, dass man als Web-Moderatorin leider nicht die physischen „Warnsignale“ (gelangweilte Gesichter, glasige Augen...) eines sinkenden Aufmerksamkeitspegels aufnehmen kann. Es bleiben der Moderatorin hierfür „nur“ virtuelle Mittel der Motivation, was Erfahrung und etwas Fingerspitzengefühl erfordert. Nicht immer heißt beispielsweise eine kurze Stille im Chat, dass niemand mehr da ist: häufig verfassen die Teilnehmenden gerade einen kleinen Absatz und „posten“ ihn dann alle zeitgleich. Was auch uns - trotz einschlägiger Erfahrung mit virtuellen Veranstaltungen - immer wieder fasziniert: es funktioniert! Bei den Webkonferenzen, die wir bislang moderiert haben, waren die Diskussionen sehr themenfokussiert, die Teilnehmenden engagiert und konzentriert.
Zudem scheinen Hierarchien durch das Medium egalisiert zu werden.
Gerade im Zeitalter von begrenzten finanziellen und zeitlichen Ressourcen kann diese Form von virtuellen Veranstaltungen daher Raum für Kommunikation schaffen: „This is the first time I take part in an event like that. Without this conference I would never have discussed those issues with the WHO Headquarter people“ schreibt mir eine Teilnehmerin.
Ich hänge ein „Dankeschön“ an die virtuelle Pinnwand der Konferenzplattform, gieße mir einen realen Kaffee ein und freue mich jetzt schon aufs Wiedersehen, denn wegen des positiven Anklangs auf die Webkonferenz ist im Laufe des Jahres eine weitere Online-Veranstaltung geplant.


