Darüber entspann sich ein gemeinsames Nachdenken über die Lerngewohnheiten von Entscheidungsträgern und der Tatsache, dass diese kaum dazu zu bewegen sind, bei ausgeschaltetem Handy Powerpoint-Vorträgen zu lauschen und Metaplan-Karten zu schreiben. Zunächst gingen die gemeinsamen Gedankengänge in Richtung „Kamingespräche mit prominenten Politikern und Fachleuten aus dem Forstsektor“ (respektive „Teichgespräche“ im vietnamesischen Kontext), der Bürgermeister von Singapur sollte eingeflogen werden oder der neuseeländische Forstminister. Verschiedene exklusive vietnamesische Veranstaltungsorte ohne Handyempfang wurden diskutiert und wieder verworfen. Dann wurden die Gedanken kühner: Die Zielgruppe bräuchte eine „Auszeit“ von der eigenen politisch-administrativen Alltagsmühle und eine intensive ganzheitliche Erfahrung mit einem komplett anderen System! Ein Wirklichkeitsschock der erfrischenden Art sozusagen. Was lag da näher, als eine Fachexkursion nach Chile zu planen, das mit seiner zum Teil hyperliberalen Wirtschaftspolitik und der starken Rolle des Privatsektors ein eindrucksvolles Kontrastprogramm zum postkommunistischen System Vietnams darstellt.
Und so standen einige Monate später 10 ausgewählte vietnamesische Führungskräfte (Gouverneure, Vize-Gouverneure, Ministerberater u.a.) mit Gummistiefeln und Schutzhelmen in der werkseigenen Plantage einer der modernsten Zellulosefabriken der Welt. Sie hatten staunend vernommen, dass dieses Werk alle Umweltauflagen der EU erfüllt und dennoch 80% seiner Produktion profitabel um den halben Erdball herum nach China exportiert – während vergleichbare Industrien in Vietnam sich vor notwendigen Umweltinvestitionen mit dem Argument drücken, sie seien dann nicht mehr wettbewerbsfähig.
Und so ging es weiter. Die Delegation lernte die Institutionenlandschaft Chiles kennen, die sich von der vietnamesischen vielfach unterscheidet: Halbstaatliche Stiftungen, die sich selbst mit Forschungs- und Beratungsaufträgen finanzieren, autonome Interessensverbände der Holzwirtschaft, wirtschafts- und praxisnah arbeitende Universitäten und Naturparks mit nachhaltigem Tourismus. Die Teilnehmer sahen aber auch ein Land der Kontraste: Z.B. am Existenzminimum lebende Waldbauern bei Puerto Montt, die mit einer Kuh als Zugtier selektiven Holzeinschlag in einem Naturwald betreiben.
Die Teilnehmer konnten das „andere System“ zwei Wochen lang intensiv sehen, hören, fühlen und – ja, auch das – schmecken. Die Koppelung von kognitiven Lernerlebnissen mit positiven Sinneserfahrungen (insbesondere chilenischer Verpflegung) wird lernpsychologisch „Ankerung“ genannt und hilft dabei, sich nach der Rückkehr ins Heimatland nachhaltig an die vielen Informationen, Situationen und Erlebnisse zu erinnern. Als sich drei Wochen nach Abschluss der Reise der Programmleiter bei dem Mitarbeiter eines der mitreisenden Vizegouverneure erkundigte, wie es seinem Chef denn so gehe, antwortete dieser „He is still shining…“.
Bei den verschiedenen Gruppendiskussionen zur Übertragbarkeit des chilenischen Modells auf Vietnam zeigte sich, dass die Teilnehmer bei aller Begeisterung ihre Differenzierungsfähigkeit und gesunde Skepsis behalten hatten.
Vielleicht hatten sie sich den Satz des chilenischen Forstingenieurs gemerkt, der mit ihnen in der riesigen Plantage von maschinenfreundlich geklonten Eukalyptusbäumen stand - die alle an der gleichen Stelle eine kleine Delle aufwiesen – und sagte: „Wissen Sie, man klont ja nicht nur die guten Seiten. Man klont ja auch die Fehler.“
