Die Mauer – in der Stadt und in den Köpfen
Gestern noch stand ich vor der neuen Mauer in Jerusalem, sie ist doppelt
so hoch wie die Mauer in Berlin, aber hat die gleichen Baumerkmale, es
gruselt mich bei dieser Erkenntnis, und ich beobachte alte palästinensische Frauen, die sich mit ihren vollen Einkaufstaschen mühsam durch die wenigen informellen Durchgänge drängen, die der Baubetrieb noch offen gelassen hat. Blühende Geschäftsstraßen werden veröden, und wer gestern noch 20 Minuten zu seinem Arbeitsplatz unterwegs war, wird morgen 2 Stunden dafür brauchen. Was fühlt der „normale“ Palästinenser, der „normale“ Israeli, der diesen Alltag leben muss?
Alles ist politisch
Mit meiner methodischen Unterstützung versuchen die Teilnehmer zunächst ein System-Modell für die heutige Wirklichkeit Jerusalems zu bauen. Schon die Definition der Faktoren ist ein Politikum: Ein Palästinenser insistiert darauf, die israelische Anwesenheit in palästinensischen Gebieten „Occupation“ zu nennen. Dies ist ein politisches Statement, und er droht mit dem Verlassen der Gruppe, wenn ein neutralerer Begriff dafür verwendet würde. Die anderen
palästinensischen und israelischen Teilnehmer versuchen ihn zu beschwichtigen, aber ohne Erfolg. Schließlich willigen sie zähneknirschend
ein; es geht darum, gemeinsam voran zu kommen, da muss man auch
radikalere Positionen versuchen einzubinden.
Ein Mikrokosmos
Überhaupt bildet meine Gruppe die Situation beider Völker wie in einem
Mikrokosmos ab: Da wird gekämpft und gerungen, in der Vergangenheit
gewühlt, mal gibt es heftige Wortwechsel, Türenknallen und „Beruhigungsrunden“ um den Häuserblock. Dann sitzen beide Gruppen
wieder heiter beim Ramadan-Fastenbrechen zusammen und scherzen
über ihre Politiker. Was sie verbindet, ist der Respekt füreinander und die
Einsicht, dass sie einander brauchen – und damit haben sie schon genug
Skeptiker und Gegner in ihren eigenen Lagern, die all das für Zeitverschwendung halten. Für mich repräsentieren sie die Hoffung auf
eine andere Zukunft.
7 Orte, 7 Träume
Mit Hilfe des Systemmodells haben sie verschiedene Zukunftsszenarien
für Jerusalem entwickelt und bewertet. Nun geht es um das vielleicht
Schwierigste: Eine gemeinsame Vision. Der Führer der palästinensischen
Gruppe ist skeptisch. Ich schlage vor, die Vision als einen virtuellen „Walk
through Jerusalem in the year 2015“ zu gestalten und fordere die Teilnehmer auf, 7 Orte in Jerusalem zu benennen, an denen sie die gewünschten Veränderungen am ehesten würden beobachten können. Die Liste der Orte ist erstaunlich schnell vereinbart: natürlich die „Holy Places“, aber auch die Universität, die Fußgängerzone, die Touristeninformation. Nun definieren gemischte Arbeitsgruppen Schritt für Schritt, was sie an diesen Orten im Jahr 2015 gern sehen wollen. Auch hier: Türenknallen, Beruhigungsspaziergänge, aber auch Heiterkeit und Einverständnis. Jerusalem – Open City oder Passkontrollen an der Stadtmauer?
Am Schluss sind die Teilnehmer stolz auf ihr Ergebnis und bereiten sich
gemeinsam auf ihre erste Präsentation in der Öffentlichkeit vor:
Die METROPOLIS 2005 – der große internationale Kongress der
Stadtentwickler in Berlin.
Metropolis
Nichts vereint eine Gruppe mehr, als die Aussicht auf eine gemeinsame Präsentation in der Öffentlichkeit. Mein Lehrsatz „Eine Vision muss so konkret und bildhaft sein, als ob sie heute schon Realität wäre“ inspiriert die Gruppe dazu, ihre Vision mit manipulierten Bildern der 7 Orte darzustellen und zu den Zuhörern des Kongresses so zu sprechen, als ob wir bereits im Jahr 2015 wären und einen nostalgischen Vergleich zwischen heute (=manipulierte Bilder 2015) und der Vergangenheit (= Originalbilder 2005) zu ziehen.
Und jetzt?
Der dritte Schritt ist zu tun: Nach Szenarien- und Visionsentwicklung gilt es jetzt die Strategien zu erarbeiten, wie das Schlimmste verhütet und das Gewünschte erreicht werden kann. Unterdessen räumt Sharon die israelischen Siedlungen im Gazastreifen und unsere tapfere Gruppe muss
versuchen, mit den Entwicklungen im eigenen Land Schritt zu halten…