Das richtige Aussprechen der Namen war das erste, das ich als Moderator zu lernen hatte: Badakhshan, Baghlan, Takhar und Kunduz heißen die vier oft nur geringschätzig als „Drogengebiet" abgekanzelten Provinzen im Nordosten des Landes. Armut, Drogenanbau und fehlende Entwicklungsperspektiven bestimmen das dortige Leben der ca. 3 Millionen Menschen. Im Auftrag von InWEnt und finanziert durch die Bundesregierung (BMZ) plante und moderierte denkmodell im Dezember 2004 in Kunduz eine dreitägige Konferenz, bei der die zentralen nationalen und internationalen Akteure an einen Tisch geholt wurden mit dem Ziel, Entwicklungsperspektiven „jenseits der Drogen" zu entwickeln. Ein solcherart moderierter öffentlicher Dialog fand in der Region Kunduz zum ersten Mal statt. Über 130 Teilnehmer/innen aus Kabul, den vier Provinzen und internationalen Organisationen nahmen an der dreitägigen Veranstaltung teil, die von ISAF Schutztruppen gesichert wurde. Die Tatsache, dass so viele Menschen nach mehr als 20 Jahren Krieg in einem öffentlichen Raum sicher, angstfrei, reibungslos und ohne ernsthafte Probleme diskutierten, war für viele Konferenzteilnehmer ein Novum und für manche war dies sogar der „eigentliche Erfolg" dieser Konferenz. Die Teilnahme von Vizepräsident Arsala demonstrierte auch die Unterstützung dieser Plattform durch die Regierung Afghanistans.
„Jugend auf dem Vormarsch": denkmodell trainiert politische Nachwuchsführungskräfte in Kabul.
Das Büro der Friedrich Ebert Stiftung (FES) in Kabul gleicht dem Campus einer kleinen High School. Auf einer großen Wiese in der Mitte des Areals gelegen sitzen junge Afghanen, Männer und Frauen, und debattieren leidenschaftlich über die Harvard-Verhandlungsmethode als eine Form, konstruktiv mit Konflikten umzugehen. In den beiden einstöckigen Backsteinhäusern, rechts und links von der Wiese gelegen, arbeiten Afghanen, die zum einheimischen Mitarbeiterstamm der FES gehören. Die Leiterin des Büros ist auch für Afghanen eine auffällige Persönlichkeit. Sie spricht fließend Dari mit Ihren Mitarbeitern und verbreitet eine Atmosphäre der Offenheit und Freundlichkeit. Viele dieser jungen Erwachsenen gehören zum Young Leaders Forum (YLF), einer Gruppe sorgfältig ausgewählter Nachwuchsführungskräfte, die von der FES für eine bestimmte Zeit begleitet und qualifiziert werden. denkmodell unterstützt das YLF im Auftrag der FES durch Trainingsmaßnahmen im Bereich „Leadership". Dazu gehört u.a. auch das Harvard- Verhandlungstraining. Der Ehrgeiz dieser Young Leaders ist augenfällig und es macht mir große Freude, mit diesen Repräsentanten eines „neuen Afghanistans" zu arbeiten.
Geberkoordination: Vom Krisenmanagement zur nachhaltigen
Entwicklung
Abends treffe ich im Internet-Café (24 Stunden offen!) einen weiteren Partner von denkmodell, Dirk Jung, der nun zwei Tage lang neben qualmenden Holzöfen einen Koordinationsworkshop der deutschen Geberorganisationen moderiert hat, um die Erstellung eines so genannten Sektorstrategie-Papiers vorzubereiten. Morgen geht es weiter mit einem Planungsworkshop für ein Grundbildungsprogramm - all das ist Ausdruck eines allgemeinen Umschwenkens der Geberpolitik von kurzfristiger Nothilfe auf langfristige Entwicklungsstrategien. Der Kollege klagt zwar, dass ihm die Augen tränten und seine Kleider röchen wie ein Schwarzwälder Schinken, aber ich sehe ihm an, dass er zufrieden ist - und gerne wiederkommen wird.