Life Balance und die Formel der Veränderung
Autor: Dirk Jung
Immer häufiger treffen wir bei unseren Seminaren und Beratungen auf Menschen, die feststellen, dass sie bei den jahrelangen Anstrengungen, ihr Unternehmen, ihre Projekte oder ihre Partnerländer zu entwickeln, sich selbst und ihre eigene Entwicklung aus den Augen verloren haben. Gefährdet bei ihnen ist eine Qualität des Seins, die seit einigen Jahren etwas modisch mit dem Begriff „Life Balance" umschrieben wird. Selbst chronisch auf Erfolg programmierte Menschen kommen spätestens dann ins Grübeln, wenn wir mit ihnen die VIER VASEN Übung machen - eine Übung mit einer Metapher für (un-)ausgeglichenes Leben, die in den verschiedensten Varianten schon seit der Antike benutzt wird. Die Anleitung dazu lautet:
Stellen Sie sich 4 Vasen vor, die entweder gleich oder unterschiedlich mit Energie gefüllt sind:
- Die Leistungsvase: Sie steht für Arbeit, Anerkennung, Einkommen, Karriere
- Die Körpervase: Sie steht für Gesundheit, Sport, Sinnlichkeit und Erotik
- Die soziale Vase: Sie symbolisiert Familie, Freunde, soziale Kontakte und Vernetzung
- Die spirituelle Vase: Sie enthält geistiges und emotionales Wachstum, Religion, Sinngebung im Allgemeinen
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Stellen Sie sich nun zwei Gruppen von Fragen:
- Wie hoch sind meine Vasen aktuell gefüllt? Welche ist am vollsten? Welche ist am leersten? Was fühle ich, wenn ich mir die Verteilung anschaue? Und wie bewerte ich diesen Zustand - was ist der Vorteil, was ist der Preis dafür?
- In welche Vase(n) investiere ich derzeit meine Energie? Tue ich das bewusst? Was habe ich davon? Was passiert mit den anderen Vasen (also mit einem Teil von mir)?
Die Ergebnisse dieser Betrachtung und die Reaktionen darauf sind oft höchst unterschiedlich: Sie reichen von der bewussten Entscheidung, für eine bestimmte Zeit alles in die Leistungsvase (Berufskarriere) oder soziale Vase (Familiengründung) zu investieren bis zu der späten Erkenntnis, man habe wohl irgendwann vergessen, dass die anderen Vasen auch noch existieren und der Pflege bedürfen.
Diese relativ simple Bewusstheits- und Reflexionsaufgabe löst bei den (im wahrsten Sinne) Betroffenen häufig nachhaltige Veränderungsprozesse aus. Sie geben das Rauchen auf, greifen alte Hobbys wieder auf oder verteidigen die Pflege ihrer Sozialkontakte entschlossener gegen die unersättlichen Anforderungen des Arbeitslebens.
Um zu verhindern, dass es bei den guten Vorsätzen bleibt, geben wir den Betroffenen häufig die Formel der Veränderungsenergie als strategische Umsetzungshilfe mit auf den Weg. Sie ist entstanden aus der GESTALT-Theorie der Veränderung und des Lernens und lässt sich sowohl für individuelle als auch für organisatorische Veränderungsprozesse verwenden.
Ihr Erfinder, David Gleicher, bildete diese „Formel" nicht zum mathematischen Gebrauch, sondern als mnemotechnischen Trick, um die wichtigsten Faktoren miteinander zu verknüpfen, die darüber entscheiden, ob die Veränderungsenergie der Beteiligten ausreicht, um eine nachhaltige Veränderung durchzuführen.
Die Formel heißt:
C = (abd) > x
Die Buchstaben stehen für folgende Faktoren:
C = die Veränderungsenergie
a = der Grad der Unzufriedenheit mit dem bestehenden Zustand
b = die Klarheit des gewünschten Zustands
d = die ersten sichtbaren Schritte in Richtung auf den gewünschten
Zustand
x = die „Kosten" der Veränderung
In Worten liest sich die Formel wie folgt: Die Energie (= C) reicht erst dann für eine nachhaltige Veränderung aus, wenn die Wirkung der Faktoren a, b und d signifikant größer ist als X, also die zu erwartenden Kosten (die meist nicht finanzieller Art sind, sondern psychisch-sozialer).
a, b, d und x bieten demnach 4 mögliche Aktionsfelder, um eine Organisation oder ein Individuum für einen nachhaltigen Veränderungsprozess zu stimulieren. Dabei gilt es a, b und d zu erhöhen und x möglichst zu senken.
Dazu ein Praxisbeispiel aus dem Bereich Life Balance! Stellen Sie sich vor, Sie wollen Ihren Partner oder gar sich selbst dazu bringen, weniger zu arbeiten. Die Veränderungsformel kann Ihnen dabei helfen, eine Fülle
strategischer Anregungen zu finden (und lässt sich auch gut mit der Vasen-Übung kombinieren). Im Folgenden einige - naturgemäß oberflächliche - Anregungen, die Sie für sich persönlich anpassen können:
a) Unzufriedenheit mit dem bestehenden Zustand erhöhen: eine Liste anfertigen mit den für Sie wichtigen Aktivitäten der letzten drei Monate außerhalb der Arbeitswelt (wann und wie oft hatten Sie einfach nur Spaß, spirituelle Zufriedenheit, körperliches Wohlbefinden, intensive Treffen mit Freunden, wann haben Sie etwas außerhalb der Arbeit gelernt?); seine(n) LebenspartnerIn und Freunde um ein ehrliches Feedback bitten zur jetzigen Situation (wie werden Sie wahrgenommen, was geht Ihnen gerade verloren, was wünschen sie Ihnen?); alte Fotos heraussuchen aus der Zeit, als Sie noch verreist sind und Freunde besucht haben (oder auch: alte Tagebücher lesen); Artikel zum Workaholismus lesen; Besuche beim Arzt und im Fitness-Center arrangieren, um Gesundheit und körperlichen Zustand überprüfen zu lassen...
b) Klarheit des Ziels verbessern: gleichaltrige Menschen, bei denen Sie nachahmenswertes Verhalten beobachten, als Vorbild und Modell erwählen (was unterscheidet Sie von diesen?); Gespräche mit Menschen führen, die ähnliche Prozesse durchlaufen haben; eine Vision entwickeln (wie möchten Sie in fünf Jahren leben, wie Ihr Alter verbringen?); die gute alte Beerdigungsübung bemühen (stellen Sie sich vor, ein(e) FreundIn hält eine Rede an Ihrem Grab: was möchten Sie, dass über Sie gesagt wird?).
c) Erste sichtbare Schritte unternehmen: Einen klaren und realistischen Fahrplan für die Reduktion der Arbeitsstunden (Meilensteine) machen, z.B. einen Delegationsplan erstellen (was können Mitarbeiter oder Kollegen mir abnehmen? Reduzieren Sie hauptsächlich diejenigen Arbeiten, die Ihnen sowieso keinen wirklichen Spaß machen); Ihre angestrebten Veränderungen im Kollegenkreis und privat ankündigen (das erhöht den Druck von außen); Urlaub planen (am besten ohne Umbuchmöglichkeit und natürlich ohne Laptop) und nehmen, private Termine planen und in Ihren Kalender eintragen - wöchentlich überprüfen, ob es auch private Termine gibt...
d) Kosten der Veränderung senken: Fragen Sie sich zuerst: Was verliere ich, wenn ich die gewünschte Veränderung „durchziehe", also in unserem Fall weniger arbeite? Das setzt eine ehrliche Reflexion darüber voraus, welche Funktion das Arbeiten für Sie hat (geht es um die Arbeit selbst, um ein bestimmtes Gefühl dabei oder um einen Ersatz. Wenn ja, wofür?). Fragen Sie sich dann, ob Sie das „Verlorene" (das kann bei dem Einen Anerkennung sein, bei dem Anderen Kontrolle, ein „Kick" oder soziale Kontakte) verschmerzen können oder ob Sie das Verlorene durch etwas anderes kompensieren oder sich „woanders holen" können. Überprüfen Sie zum Schluss die neue Balance. Lohnt sich die Veränderung?
Die Arbeit mit der Energie-Formel hat schon für Viele einen Anstoß zu persönlichen und beruflichen Veränderungen gegeben. Und manchmal führt es auch zur Einsicht, nichts zu ändern, sondern konsequenter hinter
den getroffenen Entscheidungen zu stehen - und aufzuhören, zu lamentieren. Das kann aus unserer Sicht genauso wichtig sein, wie etwas Neues zu beginnen. In jedem Fall lohnt sich die Überprüfung...
Wenn es alleine nicht geht...
Viele Menschen wollen und brauchen für Veränderungsprozesse eine persönliche Begleitung. Es kann sein, dass man nicht weiß, wo man anfangen soll oder dass der Fokus fehlt oder „alles schon versucht wurde". Hier kann unter Umständen ein Coaching helfen, einen Anstoß zu geben oder Klarheit zu verschaffen.
Der Markt des Coaching ist in den letzten Jahren überschwemmt worden und die Begriffe sind verwässert. Da ist von Teamcoaching die Rede, von aktivem Coaching und Life-Coaching - die Liste kann seitenlang fortgesetzt werden.
Bei denkmodell halten wir es strikt mit dem Begriff. Coaching ist für uns eine professionelle Einzelberatung, die nicht mehr als 5 Doppelstunden umfasst und von einem konkreten Anliegen ausgeht, das mit dem Rollenverständnis (als Schnittstelle zwischen Organisation und Person) der zu coachenden Führungskraft zu tun hat. Das mag sehr vereinfachend klingen, umschreibt aber treffend die meisten Coaching-Situationen, derer wir uns annehmen.
Thematisch reichen die Coaching-Anlässe von Karriere-Entwicklungen (so Veränderungen durch Beförderungen, aber auch die Frage, „ob ich in dieser Organisation bleiben oder besser gehen sollte"), über Probleme mit Mitarbeitern oder Chefs (Führungsfragen) bis zum Bewältigen von Arbeitsbelastungen (wie in unserem Workaholic-Beispiel).
Im Coaching-Prozess spielt neben der methodisch geleiteten Selbstreflexion das direkte Feedback des Coaches eine wichtige Rolle - was nicht nur dessen gute Menschenkenntnis voraussetzt, sondern auch eine gute sogenannte „Feldkenntnis", das heißt der Coach sollte sich gut in der „Branche" des oder der Gecoachten auskennen - fachlich und „kulturell", denn auch beim Coaching geht es oft um Strategie und Machtgefüge. Außerdem muss die „Chemie" zwischen Coach und Gecoachtem stimmen. Mancher Gecoachte nimmt lange Wege auf sich, um zu „seinem" Coach zu kommen.
Beim Coaching „arbeitet" zumeist der Gecoachte - auch wenn es manchmal (im Gegensatz zur reinen Prozessberatung einer Gruppe) handfeste Ratschläge seitens des Coaches geben kann. Dieses Arbeiten geschieht nicht nur innerhalb, sondern als ergänzende „Hausaufgabe" auch zwischen den Sitzungen (die ein bis vier Wochen auseinander liegen), was durchaus aufwendig sein kann. Hierzu gehören u.a. die Analyse des eigenen Arbeitsplatzes, das Einholen von Feedback bei Kollegen, eine Visionsentwicklung genauso wie das Ausprobieren von neuen Verhaltensweisen (mit den Mitarbeitern z.B.) und das Einüben neuer Fähigkeiten.
Die intime Situation des Coaching, die Kosten und der Arbeitsaufwand in und zwischen den Sitzungen fordern eine Bereitschaft des/der Gecoachten, zu „investieren" und sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Die Entscheidung für ein Coaching sollte also gut bedacht werden und der Anlass sollte den Aufwand rechtfertigen. Vor der tatsächlichen Aufnahme eines Coaching sollte es entweder ein ausführliches Vorgespräch oder eine Entscheidungsfindung in der ersten Sitzung geben.
Der Coach kann Ihnen auch helfen, herauszufinden, ob Coaching überhaupt die richtige Form der Intervention für Sie ist oder ob nicht eher eine Therapie, eine Supervisionsgruppe oder besser gar keine Intervention für Sie in Frage kommt (auch letzteres kommt durchaus vor - und ist nicht immer die schlechteste Alternative). Coaching in unserem Sinne geht davon aus, dass der Gecoachte emotional relativ stabil ist und seine Situation „allein" managen kann. Und auch beim Coaching gilt: „Kunde" ist autonom. Der Coach leistet lediglich Unterstützung und Anleitung. Die Grenzen zu anderen Interventionsformen sollten respektvoll gewahrt werden.
Für unsere Kunden mit Arbeitsplatz im Ausland und oft eingeschränkten Möglichkeiten, ein qualifiziertes Coaching zu bekommen, haben wir eine virtuelle Coaching-Plattform eingerichtet. Face-to-face-Sitzungen sind immer die erste Wahl für das Coaching, doch zuweilen ist das schlicht nicht zu realisieren. Virtuelle Beratung kann auch speziell den Kunden dienen, die uns bereits aus anderen Zusammenhängen persönlich kennen. Und für ein Vorgespräch greifen wir auch einfach einmal zum Telefon...
Schauen Sie doch einmal die Demoversion unter www.denkmodell.de/Demoplattform an. Die Plattform kann außer für das Coaching auch für die Kommunikation in Netzwerken, die Begleitung von OE-Prozessen, Online-Lernen und für virtuelle Projektarbeit genutzt werden.
Ob face-to-face oder virtuell - Coaching ist eine energie-volle Form der Beratung...


