denkmodell wurde beauftragt, die Ideenwerkstatt in Washington DC zu moderieren. Die Aufgabe erweist sich für mich als äußerst reizvoll, aber durchaus herausfordernd: Ein weites Feld, an dem sich lauter kluge Köpfe bereits den ein oder anderen Zahn ausgebissen haben. Kaum verwunderlich, dass eine Teilnehmerin aus Jordanien anfangs bekennt, wenig Hoffnung zu hegen: „Ich glaube kaum, dass wir allzu viel zustande bringen werden. Wenn wir es schaffen, miteinander zu reden, wäre schon viel erreicht."
Wie also vorgehen? Unsere Wahl fällt auf eine behutsamen Annäherung, wie sie auch Verhandlungsstrategen empfehlen: Nicht über Positionen streiten, sondern gegenseitig Interessen erkunden. Gemeinsame Kriterien festhalten. Geschützte Räume schaffen, wo Kriterien und deren Anwendung diskutiert werden können. Kontroversen auf das Problem fokussieren, nicht auf die beteiligten Personen. Bald steht für mich bereits der thematische Bogen der Workshopreihe:
- Welche Werte und Interessen beeinflussen unsere Vorstellungen von politischer Reform im Mittleren Osten? Welche Werte und Interessen teilen wir, in welchen unterscheiden wir uns? Welche sind wichtiger als andere?
- Prioritäten: Welche Themen wünschen wir uns für multilaterale Agenden? Welches sind die vorrangigen Schlüsselthemen?
- Gemeinsame Ortsbegehung: Welche Instrumente und Mechanismen gibt es bereits zur arabisch-amerikanisch-europäischen Kooperation? Wo liegen deren Stärken und Schwachstellen, Möglichkeiten und Grenzen?
- Fragen und Empfehlungen: Welche Forderungen, Anregungen und Fragen teilen wir mit Blick auf die arabisch-amerikanisch-europäische Realität? Welche politische Schwerpunktsetzungen und konkreten Maßnahmen wünschen wir uns für die Zusammenarbeit?
Als Arbeitsformat wählen wir zunächst ein vereinfachtes World Café. Hierbei diskutieren die Teilnehmenden in wechselnder Zusammensetzung die Inhalte kurzer Impulsreferate entlang von Leitfragen, tauschen Ideen aus und skizzieren diese auf Postern. Bereits nach den ersten Diskussionsrunden macht sich Überraschung breit. Nach zwei Tagen bringt es die bereits zitierte Teilnehmerin aus Jordanien auf dem Punkt: „Ich hätte nie gedacht, dass wir uns in so vielen Dingen einig sind. Ganz erstaunlich, wie viele Interessen und Sichtweisen wir mit den Kollegen aus den anderen Regionen teilen!". Mein Moderatorenherz lacht, das ist mehr als wir anfangs zu hoffen gewagt hatten.
Je tiefer wir graben, desto mehr kristallisieren sich strategische Grundsatzfragen heraus: Wie pragmatisch darf die internationale Zusammenarbeit sein, wenn politische Partner Standards wie z.B. Menschenrechte ignorieren? Ist es legitim, die „tief hängenden Früchte" (Wirtschaftsförderung, Infrastrukturentwicklung) zu pflücken, um die unbequemen „heißen Eisen" (Menschenrechte, Pressefreiheit) zu umgehen? Wie a-politisch kann eine technische Zusammenarbeit dann überhaupt sein? Und sollte die multilaterale Zusammenarbeit tatsächlich Früchte tragen: Woran erkennen wir ihre Erfolge? Und wie werden die Rollen zwischen zivilgesellschaftlichen Gruppen und Regierungen dann verteilt sein?
Mit einem Abschlussworkshop im September 2009 haben wir nun den Diskussionsbogen abgerundet. Direkt im Anschluss wurden die Ergebnisse in Washington DC der Öffentlichkeit präsentiert: Überraschende Einsichten, offene Fragen, weiterführende Gedanken und Ideen, wie der fruchtbare Diskussionsprozess der letzten Workshops auf auch größerer Bühne fortgeführt werden könnte. An vorderster Stelle eine besonders bestechende Idee für eine Diskussionsplattform der arabischen Vielfalt: „Das Arabische Sozialforum".