| |
|
 |
Unser einBlick
|
Editorial
|
|
|
| |
"Les feuilles tombent" - Die Blätter fallen, die grauen Herbsttage sind da, und deshalb hat man endlich einmal Muße um - was? richtig! - das Feuilleton zu lesen, die neue, unregelmäßig erscheinende Rubrik in unserem Newsletter. In dieser Ausgabe führt Sie das Feuilleton durch eine virtuelle Fotoausstellung über den Jemen, eines der fotogensten und widersprüchlichsten Länder der Erde.
Die Geistige Nahrung beschäftigt sich diesmal mit Multi-Stakeholder Management und der Kunst, dieses realistisch zu betreiben. Als praktisches Beispiel dazu findet unser Baustellenbesuch auf der von Bürgerkrieg und Tsunami betroffenen indonesischen Insel Aceh statt, wo eine unserer Mitarbeiterinnen verschiedene Organisationen der Zivilgesellschaft berät.
|
|
|
| |
|
|
|
 |
Multi-Stakeholder Management
|
Geistige Nahrung
|
|
|
| |
Wenn Sie Menschen mit zugespitzten Holzpflöcken herumlaufen sehen, dann haben Sie sich entweder in einen Vampirfilm verirrt oder Sie haben so genannte „Stakeholder“ gesichtet. Ursprünglich bezeichnet „Stake“ nämlich eben diesen Holzstab, mit dem man seinen „Claim“ absteckte, also das Stück Land, auf das man Anspruch erhebt. „Claim“ steht deshalb heute im Englischen auch für „Anspruch“. „Stakeholder“ ist ein Modewort geworden, aber aus gutem Grund: Die Planungs- und Entscheidungsverfahren in den modernen, demokratisch orientierten Gesellschaften werden zunehmend als Dialog- und Verhandlungsprozesse organisiert. Gleiches gilt für wichtige Veränderungsprozesse in Unternehmen, bei denen man frühzeitig versucht, die wichtigsten Stakeholder und ihre unterschiedlichen Interessen einzubinden. weiter unten mehr...
|
|
|
| |
|
|
|
|
|
|
 |
|
Werbepause
|
|
|
| |
Unser Newsletter wird dieses Mal ohne jede Werbeunterbrechung ausgestrahlt!
|
|
|
| |
|
|
|
|
 |
Banda Aceh
|
Baustellen-besuch
|
|
|
| |
„Einwohnerwesen“ und „Personenstandswesen“ klingen nach trockenen Themen, die uns vor allem als (manchmal lästige) Bürgerpflichten geläufig sind: Die obligatorische Ummeldung nach einem Umzug, sechs Wochen warten auf den neuen Reisepass, der vor der Hochzeit (oder Scheidung) auszufüllende Wust an Formularen, die Geburtsurkunde für den Nachwuchs oder die Sterbeurkunde für den Großvater.
Weniger bewusst ist uns jedoch, dass mit der korrekten Registrierung fundamentale Menschenrechte zusammenhängen – denn erst durch den Besitz dieser Dokumente bekommt jeder Mensch eine Identität, die von fast allen Staaten der Welt anerkannt ist – und erst mit dieser Identität können fundamentale Menschenrechte, wie z.B. das Recht auf Freizügigkeit oder das Recht auf Staatsangehörigkeit geltend gemacht werden.
weiter unten mehr...
|
|
|
| |
|
|
|
|
|
Mit denkmodell beim Stakeholder Treffen. Im indonesischen Aceh wirken selbst die Debatten über Notwendigkeit und Vorzüge eines funktionierenden Einwohnerwesens luftig und bunt.
|
|
|
 |
Blicke in den Jemen
|
Feuilleton
|
|
|
| |
Sabine Hanstein, eine mit denkmodell verbundene Trainerin, hat von 2001 bis 2005 im Jemen gelebt und als Entwicklungshelferin gearbeitet. Ihre Erfahrungen auf der abgewandten Seite der westlichen Welt haben sich in Fotografien und Texten verdichtet, welchen vom DED die Ausstellung "Zwischen Kat, Koran und Kalaschnikow" gewidmet worden ist. Wir halten diese Wanderausstellung für eine selten gelungene Zusammenführung von sinnlich erlebbarem Bild und Hintergrundinformation, und möchten daher aktiv auf sie verweisen - zur Zeit gastiert die Fotoschau in der VHS Hilden, Gerresheimerstr. 20. Sabine Hanstein hat für unseren Newsletter eine Auswahl ihrer Tafeln vorgenommen. Aus diesem knappen Dutzend Denkbilder könnten Sie durchaus mehr über den Jemen erfahren als aus umfangreichen Dossiers.
|
|
|
| |
|
|
|
 |
Multi-Stakeholder Management
|
Geistige Nahrung
|
|
|
| |
1 Instrument und 3 goldene Regeln
Wenn Sie Menschen mit zugespitzten Holzpflöcken herumlaufen sehen, dann haben Sie sich entweder in einen Vampirfilm verirrt oder Sie haben so genannte „Stakeholder“ gesichtet. Ursprünglich bezeichnet „Stake“ nämlich eben diesen Holzstab, mit dem man seinen „Claim“ absteckte, also das Stück Land, auf das man Anspruch erhebt. „Claim“ steht deshalb heute im Englischen auch für „Anspruch“. „Stakeholder“ ist ein Modewort geworden, aber aus gutem Grund: Die Planungs- und Entscheidungsverfahren in den modernen, demokratisch orientierten Gesellschaften werden zunehmend als Dialog- und Verhandlungsprozesse organisiert. Gleiches gilt für wichtige Veränderungsprozesse in Unternehmen, bei denen man frühzeitig versucht, die wichtigsten Stakeholder und ihre unterschiedlichen Interessen einzubinden. Das kommt – Gesellschaften und Unternehmen – in der Regel billiger als langwierige Konflikte und Blockaden und erhöht zugleich die soziale Akzeptanz und Nachhaltigkeit der Vorhaben. Irgendeiner muss diesen Interessenausgleich zwischen den Stakeholdern organisieren. Diese Menschen betreiben Stakeholder-Management, und weil es sich meist um viele Stakeholder handelt, setzt man neuerdings gerne das Wort „Multi“ davor. Stakeholder Management umfasst eine ganze Skala von möglichen Beziehungen. Sie beginnt bei dem Versuch, unterschiedliche Interessengruppen überhaupt in einen konstruktiven Dialog miteinander zu bringen, z.B. nach einem Konflikt oder längerer politischer „Funkstille“, und endet mit verbindlichen Kooperationsbeziehungen, z.B. im Rahmen eines Projekts, eines Unternehmens oder gemeinsamer Verantwortung für einen gesellschaftlichen Veränderungsprozess. Davor und mitten drin: Die Tragfähigkeit der Beziehungen einschätzen und verbessern Stakeholder gehen keine Beziehung miteinander ein, weil sie nette Menschen sind. Sie verfolgen Interessen, wollen ihre Ziele erreichen und ihren Nutzen erhöhen. Jedes Stakeholder-Management tut daher gut daran, das Verbindende und das Trennende zwischen den Beteiligten realistisch einzuschätzen und Ansatzpunkte zur Verbesserung der „Bindekräfte“ zu finden. Hier zeigen wir Ihnen ein Instrument, das dem Management, aber auch den Stakeholdern selbst bei dieser Einschätzung helfen kann: Die Aufwand-Nutzen Bilanz Für jeden Stakeholder bedeutet die Teilnahme an einem Dialog- oder Kooperationsprozess einerseits Aufwendungen unterschiedlicher Art (z.B. Aufgabe von Privilegien und Positionen, Kommunikationskosten, Verzicht auf andere Optionen), andererseits Nutzen (z.B. Zugang zu Ressourcen, Profilierung, strategische Allianzen). Jeder Stakeholder wird sich auf Dauer nur so lange an dem Prozess beteiligen, wie diese Bilanz objektiv oder subjektiv für ihn hinreichend positiv ausfällt. Daher ist es nützlich, mit nachfolgender Graphik die „Bilanz“ der Stakeholder einzuschätzen bzw. von ihnen selbst einschätzen zu lassen.
|
|
|
| |
|
|
|
|
Wenn Sie also in einem Stakeholder-Prozess eine Analyse dieser Art machen (oder von den Stakeholdern selbst vornehmen lassen) erhalten Sie sehr schnell ein Bild davon, wer z.Zt. hoch motiviert ist, an dem Prozess teilzunehmen (Stakeholder A) , wer ein potentieller Ausstiegskandidat ist (B, D, E und H) und wer vorerst wohlwollend dabeibleiben wird (C, F, G und I). Das Gesamtbild zeigt Ihnen, wie stabil Ihr ganzes Unterfangen ist, diese Interessengruppen an einen Tisch zu bekommen und dort über längere Zeit zu halten. Die anschließende strategische Überlegung besteht darin, nach Möglichkeiten zu suchen, wie man den Nutzen der „kritischen“ Stakeholder erhöhen und ihre Aufwendungen senken kann. Das obige Bild ist immer auch eine Momentaufnahme und verändert sich ständig mit Verlauf des Stakeholder-Prozesses. Wenn z.B. die unverbindliche Teilnahme an einer nationalen Wasserkonferenz für private Versorgungsunternehmen noch „angemessen“ sein kann, steigen diese Unternehmen eventuell später aus dem Prozess aus, wenn sie z.B. mit Staat und Gemeinden so kooperieren sollen, dass sie ihre Wassertarife nicht mehr frei festlegen dürfen. Dann „stimmt“ die Aufwand-Nutzen Bilanz für sie nicht mehr, es sei denn, dem Stakeholder-Management fällt etwas ein, um diesen gestiegenen „Aufwand“ mit einem ebenso steigenden Nutzen zu kompensieren. Wechselseitige Abhängigkeit Diese Sichtweise auf die Tragfähigkeit der Stakeholder-Beziehungen kann ergänzt werden durch die Betrachtung der wechselseitigen Abhängigkeit der Stakeholder bei der Erreichung ihrer individuellen Ziele und Nutzen. Wer seine Ziele überwiegend unabhängig von den anderen erreichen kann (z.B. ein Monopolist), dessen Aufwand-Nutzen Bilanz muss schon sehr attraktiv sein, um ihn für den Stakeholder-Dialog zu motivieren - ganz im Gegensatz zu solchen Stakeholdern, die sich in hoher Abhängigkeit von den Anderen befinden und kaum eine andere Chance sehen als Verhandlung und Dialog, um ihren Nutzen zu verbessern. Oft ist es die Aufgabe des Stakeholder-Managements, diese Ausgangslage zu verändern und die Akteure insgesamt in stärkere Abhängigkeit voneinander zu bringen. Dafür ist nicht selten auch Druck von außen erforderlich, z.B. an Konditionen gebundene Kredite oder partizipativ gestaltete öffentliche Investitionsentscheidungen. Rollen Für die Gestaltung eines Stakeholder-Prozesses muss das Management nicht nur ein Mandat von den übrigen Beteiligten erhalten sondern sich selbst auch der eigenen Rolle bewusst sein. Oft beobachten wir in der Praxis, dass dabei unreflektiert und inkonsistent zwischen „ehrlicher Makler“, Moderator, Berater, Sekretariat und Mediator hin- und hergewechselt wird, und in nicht wenigen Fällen sind die „Multi-Stakeholder Manager“ selber ein Stakeholder, der immer dann aus seiner neutralen Rolle kippt, wenn es seinen eigenen Interessen ans Leder geht. Dies ist der beste Weg, um seine Glaubwürdigkeit und sein Mandat auf’s Spiel zu setzen. Klären Sie Ihre Rolle eindeutig für sich und für die übrigen Beteiligten – und spielen Sie sie konsequent! Rhythmen Der verstorbene Dirigent Sergiu Celibidache pflegte seinen Studenten zu erklären, dass Musik nicht nur aus Tönen besteht sondern auch aus den Pausen dazwischen. Gleiches gilt für die professionelle Gestaltung eines Dialogprozesses – er besteht nicht nur aus dem Zusammenkommen der Stakeholder, sondern auch aus den Zeiträumen dazwischen. Sind sie zu lang, kann die mobilisierte Energie wieder spurlos versanden, sind sie zu kurz, haben manche Stakeholder nicht genügend Zeit zur internen Verarbeitung und Entscheidung. In den Pausen können viele Dinge unternommen werden, um den Prozess zu fördern und zu stabilisieren, z.B. bilaterale Gespräche, Informationsbeschaffung, symbolische Aktionen wie z.B. gemeinsame Essen, Presseerklärungen oder Besichtigungen. Merke: Ein Stakeholderprozess braucht seinen eigenen Rhythmus von Dialog und Pause. Es ist die Kunst des Managements, beides bewusst zu gestalten statt nur einfach freie Stellen im Terminkalender zu suchen. Arenen: Der Umkleideraum der Gladiatoren Wir benutzen den Begriff „Arena“ für bewusst gestaltete Kommunikationsräume, die eine bestimmte Funktion im Rahmen des Stakeholder-Dialogs erfüllen. Das Stakeholder-Management muss erkennen, welche Funktionen in einem bestimmten Moment „angesagt“ sind und muss eine adäquate Form (in der Fernsehsprache würde man auch „Format“ sagen) dafür anbieten können. Folgende Tabelle zeigt links einige typische Funktionen und rechts beispielhaft einige „Arenen“, die man hierfür verwenden kann:
In einem typischen Stakeholder-Prozess gibt es nach unserer Erfahrung eine gewisse Logik, in welcher Reihenfolge diese Arenen angeordnet werden sollten. Sind z.B. negative Gefühle im Spiel, so sollten diese gleich am Anfang eine Gelegenheit bekommen, geäußert und bearbeitet zu werden. Bei Plenumsveranstaltungen haben die Stakeholder am Anfang das Bedürfnis, ihre Unterschiedlichkeit öffentlich zu markieren – nur wenn man ihnen dazu den Raum gibt, sind sie später für irgendeine Form der Integration und Zusammenarbeit zu gewinnen. Die intimen Arenen („Umkleideraum der Gladiatoren“) sollten sich mit den öffentlichen Arenen sinnvoll abwechseln, in jeder dieser Arenen sind Dinge möglich, die in der anderen nicht zu erreichen sind. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel! Leider erleben wir oft, dass unter erheblichen Anstrengungen Groß-Konferenzen veranstaltet werden, in denen die Stakeholder erstmals aufeinander treffen, miteinander sinnvoll und erfolgreich arbeiten – und danach geschieht nichts mehr. Das mobilisierte Momentum wird nicht gepflegt und genutzt, weil es vorab kein Konzept eines Prozessdesigns gab. Alle Beteiligten konzentrierten sich auf das „Großereignis“, ohne das Davor und Danach geplant und gestaltet zu haben. Hier setzt unsere Beratung oft als erstes an, wenn wir den Auftrag zur Moderation „eines“ Stakeholder-Dialogs erhalten. Abspann denkmodell hat in den letzten Jahren zahlreiche Stakeholder Prozesse begleitet und moderiert, u.a. im Wasserbereich in Kosovo, Uganda und Afghanistan sowie für die Weltbank im Bereich Öl-, Gas- und Bergbau. Unsere Zusammenarbeit mit dem GTZ-Sektorvorhaben Rioplus (www.gtz.de/rioplus) hat unserer konzeptionellen Entwicklungsarbeit an diesem Thema einen zusätzlichen Schub verliehen. Als fruchtbare Lektüre zu diesem Thema empfehlen wir folgende Veröffentlichungen: Gerybadze, Alexander (2004): Management von Kooperationen, in Barske et.al: Das innovative Unternehmen, Wiesbaden
Roehl, Heiko/ Rollwagen; Ingo (2004): Club, Syndikat, Party – Wie wird morgen kooperiert?, in: Organisationsentwicklung 3/04, S. 30-41
Schuh, Günther/ Friedli, Thomas/ Kurr, Michael A. (2005): Kooperationsmanagement, München und Wien
 |
Aufbau eines Multi-Stakeholder-Forums in Banda Aceh
|
Baustellenbesuch
|
|
|
| |
Britta Dube „Einwohnerwesen“ und „Personenstandswesen“ klingen nach trockenen Themen, die uns vor allem als (manchmal lästige) Bürgerpflichten geläufig sind: Die obligatorische Ummeldung nach einem Umzug, sechs Wochen warten auf den neuen Reisepass, der vor der Hochzeit (oder Scheidung) auszufüllende Wust an Formularen, die Geburtsurkunde für den Nachwuchs oder die Sterbeurkunde für den Großvater.
Weniger bewusst ist uns jedoch, dass mit der korrekten Registrierung fundamentale Menschenrechte zusammenhängen – denn erst durch den Besitz dieser Dokumente bekommt jeder Mensch eine Identität, die von fast allen Staaten der Welt anerkannt ist – und erst mit dieser Identität können fundamentale Menschenrechte, wie z.B. das Recht auf Freizügigkeit oder das Recht auf Staatsangehörigkeit geltend gemacht werden.
Das Baugelände
In Deutschland existiert bereits seit 1876 ein staatliches Personenstandswesen – in Indonesien befindet es sich jedoch im Auf- und Umbau. Und in dieser Phase der Gestaltung sollen die Belange verschiedener Interessenvertreter Gehör finden.
denkmodell ist seit Dezember 2005 damit beauftragt, in der vom Tsunami 2004 stark verwüsteten Provinz Aceh ein solches Forum aufzubauen, Konzepte für die Zusammenarbeit der Stakeholder zu liefern, Veranstaltungen zu planen und zu moderieren sowie die Umsetzung einzelner Aktivitäten zu begleiten.
Unwegsamkeiten
Multi-Stakeholder-Dialoge haben das Ziel, Parteien mit unterschiedlichen Sichtweisen und Interessen zu einem Thema miteinander ins Gespräch zu bringen und idealerweise einen Konsens zu erreichen. Aber: Verschiedene Interessen in Bezug auf die einfache Registrierung von Geburts- und Sterbefällen oder die Ausstellung von Personalausweisen sind zunächst weniger offenkundig. Zwei Beispiele illustrieren, dass diese Annahme trügt: Muezzin-Ruf, Glockengeläut oder Wartenummer?
In Deutschland führt bei einer Hochzeit kein Weg am Standesamt vorbei – hier werden die im Amtsdeutsch korrekt titulierten „Eheschließungen“ registriert. In Indonesien hingegen mit fünf (Tendenz steigend) staatlich anerkannten Religionen ist es die Pflicht der jeweiligen religiösen Institutionen, den Bund fürs Lebens zu besiegeln und zu dokumentieren. Ein laizistisches Standesamt gibt es nicht.
Aber was, wenn Paare mit verschiedener Religionszugehörigkeit heiraten wollen? Wie lassen sich die nach religiösem Recht möglichen Vielehen (im Islam bis zu vier Frauen) mit der staatlichen Praxis der Einehe in Einklang bringen? Oder wie ist es um das Heiratsalter von Mädchen bestellt? Und wer ist mein Papa?
Nur wenige Kinder verfügen über Geburtsurkunden, weil die Eltern häufig die Bedeutung des Dokuments unterschätzen oder die Hürden des Verwaltungsapparates scheuen . Ungleich schwieriger wird es aber für uneheliche Kinder: Im Übereinkommen über die Rechte des Kindes (Artikel 7 und 8) ist festgehalten, dass jedes Kind das Recht auf eine Identität hat und darauf, Vater und Mutter zu kennen – aber eine Urkunde zur Anerkennung der Vaterschaft ist höchst umstritten in islamischen Kreisen. Wie lassen sich hier die ratifizierten Menschenrechte, nationale Rechtslage und islamisches Recht miteinander vereinbaren?
Der Grundstein für das Forum
Diese beiden Beispiele zeigen, dass es letztendlich nicht um die technischen Fragen geht, wie ein Staat seine Bürger verwaltet, sondern um grundsätzliche Glaubens- und Wertentscheidungen, wie z.B.: - Wie ist das Verhältnis zwischen Staat und Religion?
- Wie wird das Verhältnis zwischen den Geschlechtern definiert?
- Welche Bedeutung wird der Ehe beigemessen?
- Wie ist die Beziehung zwischen Kind und Eltern definiert?
Bei solchen potentiell konfliktbeladenen Entscheidungen bietet es sich an, die betroffenen Parteien zu identifizieren und einzuladen, an einem Forum mitzubauen, in dessen Mitte mögliche Lösungen diskutiert werden.
Die Beratungsarchitektur
Die Beraterin hat sich zu Beginn ihres Einsatzes in Aceh zunächst intensiv mit folgender Frage auseinander gesetzt: Wer sind überhaupt die (potentiellen) Stakeholder? Und welche Interessen werden sie wohl vertreten? Schnell wurde deutlich, dass die am Reißbrett identifizierten Parteien zwar potentielle Stakeholder sind… aber noch nichts von ihrem Glück wissen! Das Thema „Einwohnerwesen“ wirkt eben sehr trocken und fern von drängenden Problemen einer armen, krisengeschüttelten Region. Zudem ist der Handlungsbedarf nicht unbedingt bewusst.
Die Institutionalisierung „klassischer“ Stakeholderdialoge, so wie sie auch weiter oben in diesem Newsletter beschrieben werden, war daher nicht möglich. Wie aber lassen sich Stakeholder-Dialoge initiieren und begleiten ohne dass es Stakeholder gibt, die sich als solche verstehen?
Wenn kein Forum da ist, muss es eben Element für Element zusammengesetzt werden – nicht zu schnell, damit die Konstruktion tragfähig bleibt – nicht zu langsam, damit möglichst bald ein Forum steht, in dessen Mitte verschiedene Akteure auftreten und das von der Öffentlichkeit bestaunt werden kann.
In einem ersten Schritt wurden daher relevante zivilgesellschaftliche Gruppen identifiziert, die ein potentielles Interesse an der Gestaltung des Einwohnerwesens haben und die als kooperationsfähig eingeschätzt werden, denn das Forum soll ja wachsen und weitere Elemente aufnehmen…. Die ersten Spatenstiche Ab auf die Insel
Rund 15 Vertreter zivilgesellschaftlicher Organisationen wurden auf einen Retreat eingeladen – kreativer Rückzug auf einer Banda Aceh vorgelagerten Insel. In drei Tagen intensivem Workshop wurden den Teilnehmern u.a. die Bedeutung eines funktionierenden Einwohnerwesens für einen modernen Staat näher gebracht, Stärken und Schwächen des indonesischen Systems diskutiert und über die Gründe für die geringen Registrierungszahlen in Aceh meditiert.
Drei Tage Präsentationen unterm Bambusdach, gemeinsames sharia-konformes Baden und Gruppenarbeit am Strand haben die Kerngruppe zusammengebracht und das Fundament für die zukünftige Zusammenarbeit gelegt. denkmodell hat diesen Workshop vorbereitet und moderiert.Gesetz ist noch nicht Gesetz
„Wie sollen wir die Leute davon überzeugen, sich registrieren zu lassen?“ ist eine häufige Frage der beteiligten zivilgesellschaftlichen Gruppen. In einem gemeinsamen Brainstorming wurde festgehalten, dass neben dem individuellen Nutzen (z.B. Zugang zu höherer Schulbildung für die Kinder) und der staatlichen Verpflichtung sich zu registrieren noch weitere Legitimationen als notwendig empfunden wurden. Aus diesem Grund wurden hohe islamische Würdenträger und Gelehrte eingeladen, über die Bedeutung des Einwohnerwesens aus islamischer Perspektive zu diskutieren. Das Ergebnis: der höchste Muslimische Rat in Aceh wird eine entsprechende Fatwa (Rechtsgutachten) diskutieren, in der die Registrierung zu einer Pflicht muslimischer Bürger erklärt wird. Und ganz „nebenbei“ haben sich neue Elemente für den Bau des Forums gefunden.
Learning by Teaching
„Wir wollen nicht nur reden, sondern auch irgendetwas tun“ lautete nach dem Workshop zum Thema Einwohnerwesen das einstimmige Urteil der Vertreter der zivilgesellschaftlichen Organisationen.
Aus diesem Grund wurde gemeinsam ein erstes Betätigungsfeld identifiziert: Die Durchführung von Informationskampagnen für Tsunami-Flüchtlinge, bei denen über die Bedeutung, gültige Dokumente zu besitzen informiert und die notwendigen Schritte zur Erlangung der Dokumente erklärt wird.
Durch diese Aufgaben werden die Vertreter der zivilgesellschaftlichen Organisationen in die Position versetzt, selbst die Vorteile des Einwohnerwesens erklären zu müssen und „nebenbei“ natürlich gut über die einzelnen Verwaltungsschritte informiert zu sein. Dadurch werden sie Schritt für Schritt selbst zu Kennern der Materie. Das Gerüst steht
Die sechs zivilgesellschaftlichen Organisationen sind mittlerweile zu Stakeholdern geworden und haben sich zu einem Dachverband zusammengeschlossen. Eine Kerngruppe hat sich herausgebildet, die über eine solide Wissensbasis zu dem Thema verfügt. Jetzt ist es an der Zeit, die nächsten Stakeholder zu kontaktieren und auf die Baustelle zu holen. Anvisiert ist die Zusammenarbeit mit Distriktverwaltungen – denn dort möchten die zivilgesellschaftlichen Organisationen ein Monitoring der öffentlichen Dienstleistungen durchführen. Ein Thema, das sicherlich Konfliktpotential birgt, aber die Konstruktion ist bereits belastbar – und neue Elemente werden gebraucht.
Der Bau geht weiter
An denkmodell wurde ein neuer Beratungsauftrag bis Ende 2007 vergeben. Die Beraterin wird mit zwei neuen Kollegen Aufbau, Konzeption und Moderation des Forums weiter unterstützen. Der Weg, den das Forum gehen wird, ist noch nicht abzusehen. Aber vom Kreise der bisherigen Teilnehmer ausgehend wird das Forum weiter wachsen, damit es den Titel „Multi-Stakeholder“ berechtigterweise einmal tragen darf. Der Mörtel ist schon gefunden: Gemeinsames Fastenbrechen im Fastenmonat, eine Studienreise in den Nachbarstaat Malaysia, um dortige Institutionen des Einwohnerwesens zu besuchen oder Diskussionsrunden in kleinerem Rahmen werden helfen, die verschiedenen Elemente zu einem Forum zu vereinen.
|
|
|
| |
|
|
|
|
|
|